Die Toten Hosen Punk

Ein Sommer, der nicht aufhören wollte

Milano - Esch-sur-Alzette - Stuttgart - Zürich - Düsseldorf 2x - Berlin - Köln 2x - Blackpool - Bremen

Der Kopf ist benommen — das Ende einer schweren Erkältung. Ich sitze im Zug von Basel nach Bremen, denn am nächsten Tag spielen Die Toten Hosen. Für mich das elfte Konzert, das ich in diesem Sommer erleben darf.

In Düsseldorf steigt Campino ein, geht an mir vorbei und setzt sich zwei Sitzreihen weiter vorne hin.

Wenn ich wählen könnte, mit welchem Künstler ich gerne mal ein paar Minuten ungezwungen reden würde, wäre er die Nummer eins. Aber mein Kopf hämmert, meine Stimme ist belegt, und ausserdem macht man das nicht.

Nach ein paar Minuten raffe ich mich auf. Ich habe aber das Bedürfnis, ihm zu danken. Für die Freudentaumel. Für „Steh auf, wenn du am Boden bist“.

Dieser Song hat unglaublich viel positive Energie. Und ist universell. Nicht wie Gloria Gaynors „I will survive“, auf eine Situation zugeschnitten. Er kann vielen Menschen in diversen Situationen helfen.

Der Song hat mich in schweren Zeiten begleitet, und die Hymne über das Wiederaufstehen nach Niederlagen ist dermassen stark, dass ich überzeugt bin, dass sie Leben gerettet hat. Und ich glaube, das sollte er wissen – falls es ihm nicht ohnehin bewusst ist …

Ich stehe also auf, gehe zu ihm und danke ihm mit diesen Worten.

Er ist super nett, sucht von sich aus das erweiterte Gespräch. Er bedankt sich und spricht mich auf mein Rebellion-Festival-Shirt an. Was bleibt, ist eine herrliche Begegnung mit einem Menschen, der keine Distanz sucht. Der auf dem Boden bleibt und wie die ganze Band nicht mit der Limousine, sondern mit dem Zug fährt.

Diese Nähe erlebt man an jedem Konzert. Er kann dem Publikum so nahe sein und es so gut mitreissen, weil es nicht gespielt und einstudiert ist. Sondern echt.

Und es ist wunderschön zu sehen, wie beim Konzert die Bandmitglieder verschmelzen. Es ist normal, dass der Sänger näher am Publikum ist, doch es gibt wahrscheinlich keine andere Band, bei welcher die Musiker derart gleichberechtigt sind.

Es war ein unvergesslicher Sommer. Zum ersten Mal bin ich mit einem Interrail-Pass losgezogen — während drei Monate bin ich fast 12’000 km quer durch Europa gefahren. Immer zur Musik.

Der Grossteil dieser Kilometer waren, um die Toten Hosen zu sehen. Intensiv. Ein letztes Mal.

Und der Entscheid war richtig. Die Toten Hosen bieten Unglaubliches. Was will ich mit diesem Wort sagen? Wie empfindet ein Fan «Unglaubliches»? Wie kann man das beschreiben?

Genau deshalb entstand Ende April auch mein Blog klangsog.ch. Ich wollte festhalten, was da gerade passiert. Für alle, die es interessiert. Und natürlich auch für mich, bevor es verblasst.

Elf Konzerte waren es am Ende. Elf Abende voller Emotionen, die mich mein Leben lang begleiten werden. Mehr wäre möglich gewesen — mehr Städte, mehr Abende im Pit. Aber die Ferientage waren gezählt, und Festivals standen zusätzlich auch auf dem Programm.

Ich hatte trainiert. Kondition aufgebaut, mich vorbereitet auf das, was kommen würde. Und trotzdem hat mich dieser non-stop Mosh-Pit-Sommer an den Anschlag gebracht — doch das Adrenalin war mehr als einmal stärker als die Schmerzen. Bereits in Düsseldorf ein Sturz, ein Ellbogen in den Rippen, später die Diagnose: doppelter Bruch. Ärztliches Verbot für alles, was nach Kontakt aussieht. Doch für mich hiess das: Schutzgilet und Ibuprofen.

Denn es gibt kein Halten. Bei dieser Musik kann ich nicht ruhig sein, sie reisst mich mit. Es zieht mich magisch an, der Körper findet keine Ruhe und muss immer wieder hinein — in den Pit, in dieses Gefühl, das keine Vernunft aufwiegen kann.

Unglaubliche Momente. Und unglaubliche Menschen — die grosse Familie, die sich quer durch diesen Sommer zieht: fremde Hände, die auffangen, fremde Schultern, die tragen, wenn der Körper nicht mehr will. Herrliche Menschen, die ich sonst nie getroffen hätte.

Elf Abende, die ich nie vergessen werde. Jeder für sich war einzigartig mit wunderschönen Akzenten — zusammen bildeten sie einen Kreis, der sich schliesst.

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