Seit Tagen beschäftigt mich nur eine Frage: Wie wird diese Setlist aussehen. Drei Varianten stehen im Raum — eine Show mit Covern englischer Wegbereiter, eine Show mit endloser Gästeparade, oder eine reine High-Power-Show ohne Umwege. Ich hoffe auf Variante drei.
Die Hardcore-Fans stehen schon den ganzen Tag in der ersten Reihe Mitte. Ich gehöre allerdings in den Mosh-Pit und verbringe meinen Tag bei diversen Stages. Mein Tagesprogramm ist trotzdem so gelegt, dass ich rechtzeitig im Saal bin. Ich plaudere mit Dezi, eine Californierin, die das Rebellion-Festival mit ein paar Tagen Europa verbunden hat und für welche es eines der unglaublichsten Punk-Festivals der Welt ist.
20:28 Uhr. Noch zwei Minuten. „I might go completely crazy and there might be a mosh-pit right here“, sage ich zu ihr. Sie schmunzelt und macht ein paar Schritte zur Seite.
Was dann passiert, ist schwer zu beschreiben. Ich explodiere. Kein Gedanke mehr an die kaputten Rippen, nur noch pure Energie. „Strom“ ist der erste Song — passender geht es nicht, ich stehe selbst unter Strom. Es gibt kein Halten mehr, ich drehe komplett durch. Für ein paar Sekunden bin ich der Moshpit ganz allein, bevor er nach zehn Sekunden richtig brodelt.
Die erste halbe Stunde war die intensivste, die ich je erlebt habe — Adrenalin zum Abwinken, vom ersten Ton an. Nach etwa dreissig Minuten sagt Campino, das sei jetzt ihre Standard-Rock’n’Roll-Show gewesen, und kündigt Mark Standley von V2 an. Der kommt für „Man in the Box“ auf die Bühne. Ein ruhigerer Moment. Ich lasse mich kurz nach hinten fallen, durchatmen — notwendig, alle Zeiger stehen auf tiefrot.
Die Pause währt nicht lange. Mark Standley wird verabschiedet, dann kommt „Pushed Again“, und ich stürze mich zurück in den Pit. Kein Halten mehr. Bei „Wünsch DIR was“ wünsche ich mir nichts mehr, ich bin einfach restlos glücklich. Zum Schluss „Hier kommt Alex“.
Ausserhalb des Pits bleibt das Publikum, wie so oft in England, respektvoll beobachtend — nicht universell explodierend wie beim zweiten Konzert in Köln. Der Sound ist an diesem Abend eine Katastrophe. Und trotzdem: Von der Energiedichte der Songs her waren das die intensivsten Hosen-Momente dieses Jahres, mehr noch — das intensivste Set meines Lebens. Statt der angekündigten sechzig Minuten dauert es nur fünfzig. Weil alles so unbeschreiblich rasant gespielt wird. Einfach herrlich.
Erst später lässt das Adrenalin nach. Die Rippen melden sich zurück, Traubenzucker und Schmerzmittel müssen reichen. Neunzig Minuten später, bei Cock Sparrer, geht gar nichts mehr — andere Zuschauer sagen mir, ich sähe schlecht aus. Auf dem Weg zur Toilette, um im Spiegel nachzusehen, wie bleich ich wirklich bin, läuft mir Campino direkt vor die Füsse. Ein kurzes Wort, ein Foto — dann geht’s heim ins Bett.

Epilog: Fünf Tage später, im Zug nach Bremen, treffe ich Campino wieder und komme diesmal zu einem Gespräch mit ihm. Wie die Setlist entstehe, frage ich. Man dürfe nicht zu lange nachdenken, meint er, man müsse sie einfach schnell festlegen — wichtiger sei, sie dann so rasant wie möglich zu spielen. Warum sie in England nie „You’ll Never Walk Alone“ spielen, will ich noch wissen. Der Song hänge dort zu sehr an einem einzelnen Verein, sagt er, da wolle er kein Fass aufmachen.





