Die Toten Hosen Punk

Kies, Chaos — dann Campino: Die Toten Hosen in Stuttgart

Man kommt an. Irgendwie.

Ich reise aus Bregenz an — die Anschlüsse sollten locker reichen, aber ich plane etwas Reserve ein. Gut so. Verspätung in Memmingen, Verspätung in Ulm — zweimal. Stuttgart Hauptbahnhof an einem Samstagnachmittag, und plötzlich sind alle Witze über Stuttgart 21 keine Übertreibung mehr. Schliessfachsuche, dann der Fund — zwischen Gleis 3 und 4, die Treppe runter. Zug nach Bad Cannstatt. Um 13 Uhr bin ich vor Ort.

Kein Plan, grosse Hitze, lokale Panik

Kein Queue-Management — und genau das macht Angst. Die Hitze drückt, die Masse wächst und wächst, und trotzdem öffnen sie nicht früher. Minuten werden zu Ewigkeiten. Dann endlich die Tore — Erleichterung, die sofort kippt: Scanner streiken, Leute, die seit acht Uhr morgens dort stehen, kommen trotzdem nicht durch. Gedränge, Geschrei, lokale Panik.

600 Meter, erste Welle, Durchatmen

Dann der Sprint. Mental bin ich längst vorbereitet — 600 Meter, ich kenne mein Tempo auf dieser Distanz, und genau das zahlt sich jetzt aus. Der Strom teilt sich, weil die Bändchen links und rechts der Bühne getrennt verteilt werden — und die Mehrheit zieht es instinktiv nach links, später bestätigen das die Umfragen in den Fan-Foren. Ich habe davon gehört, weiss eigentlich, dass ich rechts laufen sollte — und laufe natürlich trotzdem nach links. Vorne komme ich gerade noch rasch durch: Bändchen, erste Welle, kaum Wartezeit. Durchatmen, Puls noch im Hals. Hinter mir wird es schlimmer — Wartezeiten schnellen auf eine Stunde, am Ende gibt es weder für die erste noch für die zweite Welle noch ein Bändchen. Chaos, das niemand unter Kontrolle hat.

Nie wieder Stuttgart

Ich gehe zurück, will ein Cola. Am Stand ist ein Schild: „Card preferred.“ Der Kartenleser funktioniert nicht, also nur Cash. Müde, gereizt — und auf dem ganzen Gelände genau ein einziger Baum, der Schatten bietet. Dorthin rette ich mich. Meine erste WhatsApp-Nachricht aus Stuttgart lautet schlicht: „Nie wieder Stuttgart.“

Leftovers — Jung, revoltierend, echt

Leftovers machen den Anfang — jung, revoltierend, mit einer Bassistin, die auftritt, als wolle sie gleich das ganze Establishment niederreissen. Ihr Kampf gegen toxische Männlichkeit: keine Pose, sondern echt.

Bar Stool Preachers — Tanzen auf Kies

Bar Stool Preachers — die liebe ich. Herzlich, offen, mitreissend. Das Publikum hat keine Ahnung, wer da auf der Bühne steht, ist noch etwas reserviert. Aber Bar Stool Preachers geben alles. Die ersten beginnen zu tanzen, ein erster Moshpit entsteht — allerdings auf Kies. Der gesamte Bereich vor der Bühne: Kies, nicht abgedeckt. Gefährlicher geht’s kaum.

Feine Sahne Fischfilet — Linkes Dreckspack. Ernsthaft?

Feine Sahne Fischfilet — kurzes Set, aber powerful. Sie sind heute Vorgruppe, weshalb die sehr persönliche Dankbarkeit, welche sie am Vorabend in Lindau gezeigt haben, etwas in den Hintergrund rückt. Doch diesmal reden die Songs vom Leben und weniger von Politik — der Rhythmus ist hoch und peitscht an. Der Untergrund bremst mich, der Kies macht jeden Schritt im Pit zum Risiko. Ich lasse mich mitreissen — und bremse mich immer wieder selbst, die Angst vor Verletzungen sitzt im Hinterkopf.

Dann: mehrere Personen halten einen Banner hoch. „Linkes Dreckspack.“ Ernsthaft? Hier? Ich bin schockiert. Monchi steckt es weg, ohne zu zögern: „Genau wegen solchen Leuten braucht es uns.“

Am Ende des Sets dann das Schönste: mit „Komplett im Arsch“ als Abschluss — und die Toten Hosen kommen mit auf die Bühne. Was gibt es Schöneres.

Die Bühne rettet, was der Ort zerstört.

Zwischenfazit: Was auf der Bühne passiert, ist super. Der Rest ist grenzwertig. Gegen Ende kamen einige kräftige Personen in den Moshpit, die ziemlich rücksichtslos auftraten — und teilweise Personen absichtlich zu Fall brachten. Auf Kies. Die Angst sitzt.

Ich empfinde ein seltsames, widersprüchliches Gefühl. Der Ort selbst stösst mich ab — der Kies unter den Füssen, die drückende Hitze, das Chaos beim Einlass, die Rücksichtslosigkeit, die ich im Pit erlebt habe. Alles zusammen hinterlässt einen schalen Nachgeschmack, der sich nicht so einfach abschütteln lässt. Und doch: sobald die Musik einsetzt, ist das alles weggespült.

Ich beschliesse, das Hosen-Konzert ruhig von der Seite zu betrachten. Nicht im Pit abfeiern und springen, einfach da sein — und zuhören.

Und dann, plötzlich, existiert nichts anderes.

Die Toten Hosen — und plötzlich ist alles anders. Der Auftritt ist extrem herzlich, die Ansagen immer wieder durchzogen von dem, was sie mit Stuttgart verbindet. Es ist keine Routine, keine Stadion-Choreographie — es ist echte Emotion. Die Stimmung hat etwas von einem letzten Abschied unter Freunden: man weiss, dass man sich in den Arm nimmt, und man weiss, dass es so nie mehr passieren wird.

Bei Opel-Gang halte ich es noch auf der Seite aus. Dann, mit den ersten Takten von Die Show muss weitergehen, reisst es mich in die Mitte — ich kann mich nicht mehr halten. Es ist zurück, dieses Gefühl, dass nur der Moment zählt, dass dies nie wieder kommt. Alles Negative verschwindet. Trotz Angst geht es in den Moshpit — aber ich bleibe im hinteren Teil, ein berechnender Rausch mit fortlaufender Risikoevaluation. Song für Song spricht mir aus dem Herzen.

Du lebst nur einmal — ich singe laut mit und spüre es mit jeder Faser meines Körpers.

Dann die ruhige Mitte des Abends: Augen zu (Es regnet Blumen). Und ich realisiere, wie sehr ich diesen Song liebe. Ein Moment, um an Papa zu denken — an alles, was er für uns getan hat. Und der Gedanke, dass auch ich einmal in Frieden gehen möchte. Dann bin ich zurück im Konzert, und ich weiss: ich soll es geniessen. Weil du nur einmal lebst.

Tage wie diese — ein Song, der eigentlich nie in eine Setlist passt und doch immer passt. Ich schliesse die Augen und lasse mich für ein paar Sekunden treiben. Dieser Tag mit so vielen negativen Eindrücken wird plötzlich wunderschön. Welche Macht Musik haben kann.

You’ll Never Walk Alone — unglaublich authentisch. Ja, das ist ihre Botschaft, die sie uns mitgeben wollen. Für immer. Ihr seid nie allein. Wir haben uns. Und ihre Musik, die uns das Leben lang begleiten und immer Erinnerungen wecken wird.

Chaos — und die Magie der Hosen macht Farbe draus.

Ein schwarzer Tag, den die Musik bunt macht. Am Bahnhof zeigt mir ein lächelnder Mitarbeiter den Weg durch das Labyrinth zur Jugendherberge. Kurz vor ein Uhr nachts fragt mich ein freundlicher Mitarbeiter an der Rezeption mit einem Lächeln, wie es war. Die Welt ist plötzlich voller Sonnenschein. Welche Macht diese Musik hat. Unglaublich.

Konzertdaten
TitelTrink aus! Wir müssen gehen — Tour 2026
Datum13. Juni 2026
OrtCannstatter Wasen, Stuttgart
BesetzungDie Toten Hosen — Campino (Gesang), Kuddel (Gitarre), Breiti (Gitarre), Andi (Bass), Vom (Schlagzeug), Jet Baker (Keyboard) — Support: Leftovers, Bar Stool Preachers, Feine Sahne Fischfilet
Stuttgart, Cannstatter Wasen
1. Intro (Trink aus) · 2. Opel-Gang · 3. Die Show muss weitergehen · 4. Wir waren nie weg · 5. Auswärtsspiel · 6. Du lebst nur einmal (vorher) · 7. Nur nach vorn · 8. Altes Fieber · 9. Schlechte Nachbarn · 10. Wannsee · 11. Liebeslied · 12. Was ist mit uns los · 13. Alle sagen das · 14. Augen zu (Es regnet Blumen) · 15. Steh auf wenn du am Boden bist · 16. Bonnie & Clyde · 17. Was früher einmal war · 18. Unter den Wolken · 19. Alles aus Liebe · 20. Pushed Again · 21. Wünsch DIR was · 22. Hier kommt Alex
Zugabe: 23. Laune der Natur · 24. Düsseldorf · 25. Schönen Gruß auf Wiederseh'n
Zugabe: 26. Alles passiert · 27. Bayern · 28. Das ist der Moment · 29. Tage wie diese
Zugabe: 30. Schrei nach Liebe (Die Ärzte Cover) · 31. Freunde · 32. Trink aus · 33. You'll Never Walk Alone (Rodgers & Hammerstein Cover)
Feine Sahne Fischfilet — Stuttgart, Cannstatter Wasen
1. Wir kommen in Frieden · 2. Alles auf Rausch · 3. Manchmal finde ich dich scheisse · 4. Diese eine Liebe · 5. Zuhause · 6. 15 Jahre · 7. Geschichten aus Jarmen · 8. Grüsse ins Neandertal · 9. Wenn's morgen vorbei ist · 10. Komplett im Arsch (mit Die Toten Hosen) · 11. Don't Look Back in Anger (Oasis Cover — ab Band)