Die Stadt fiebert
Düsseldorf hat seine eigenen Regeln. Wer sicher in der ersten Welle sein will, muss früh los. Mit Reiner fahre ich schon gegen 11 Uhr los, wir sind ab Mittag vor Ort. Dann die grosse Überraschung: Um 13:15 Uhr gibt es Bändchen — zum ersten Mal auf dieser ganzen Tour. Danach die Altstadt — ein DJ legt an diesem Nachmittag ausschliesslich Punk auf, davor eine Schlange vor dem Pop-up-Store, die sich um die halbe Strasse zieht. Ein kurzer Spaziergang am Rhein, um die Zeit totzuschlagen, die sich nicht totschlagen lässt. Zurück zum Stadion. Irgendwann ist es nicht mehr auszuhalten.
Die ganze Stadt scheint mitzufiebern. Schon am Vortag hatten Andi, Kuddel und Vom am Rathaus die eigens gestaltete Düsseldorf-Flagge gehisst — signiert, später versteigert für Housing First. Oberbürgermeister Stephan Keller bringt es später auf den Punkt: Die Toten Hosen hätten an diesem Wochenende die Stadt übernommen.
Ein Shirt, das ich nie gesehen habe
Noch bevor der erste Ton fällt: Irritation. Kein gewöhnliches T-Shirt — ein aufwändig besticktes Poloshirt, das mir in all den Jahren nie begegnet ist. Darauf steht: „Das 1000. Konzert“. Wie, um Himmels willen, kann man ein Shirt tragen, das an die grösste Katastrophe der Bandgeschichte erinnert?
Bad Nerves
Die Sonne steht noch über der Arena. Schon nach den ersten Takten ist klar: keine Pflichtübung. Wucht. Tempo. Im noch weiten Moshpit finden sich die Ersten, die genau darauf gewartet haben.
Rise Against
Kurz, aber mit einer Härte, die keine Vorband-Rolle mehr kennt. Kaum vierzig Minuten, und trotzdem: ein zweiter Höhepunkt. Der Pit wird richtig wild. Das Publikum im Pit kennt jede Zeile der bekannten Songs und singt laut mit. Ein Hammer-Auftritt.
Die Toten Hosen
Dann das Megafon in Campinos Hand, die Sirene, die „Opel-Gang“ einleitet — die Arena explodiert. Kurz zuvor hatte Campino der vollen Arena zugerufen, das werde ein heisser Abend, es gebe keinen Ort auf der Welt, an dem die Band jetzt lieber wäre.
Der Sturz
Bei einem der ersten Songs passiert es. Ein Stoss von vorn, der Boden kippt weg, ich stürze nach hinten. Instinktiv gehen die Arme hoch, den Kopf schützen — der Brustkorb bleibt offen. Die Person vor mir stürzt im selben Moment nach, fällt auf mich drauf und versucht, sich mit dem Ellenbogen abzufangen. Dieser bohrt sich mit vollem Gewicht in den linken Rippenbereich — und bleibt dort. Ich schreie auf. Der Schmerz ist riesig. Tagesdosis Schmerzmittel, schnell eingenommen. Dann die Entscheidung: zurückhalten, Abstand nehmen, den Rest des Abends von aussen erleben.
Geniessen mit Abstand
Dieselben Songs, die man seit Jahren kennt, klingen von hier aus anders. Nicht schlechter. Fremder. Die Zeit verhält sich auch völlig anders als sonst — kein Gefühl mehr dafür, wie viel vergangen ist. Das ist sicher partiell den Schmerzen geschuldet. Orientierung gibt es nur noch über die Fixpunkte der Setlist.
Der dunkelste Tag
Und dann erklärt sich das Shirt von vorhin. Vor „Nur zu Besuch“ wird es still in der Arena. Campino spricht, die Stimme brüchig, Tränen in den Augen: Der heutige Tag sei ein Gedenktag, 29 Jahre und fünf Tage sei es her, dass beim 1000. Konzert der Band, hier in Düsseldorf, ein junges Mädchen — Rieke Lax — im Gedränge ihr Leben verlor. Der dunkelste Tag der Bandgeschichte, sagt er — und dann, leiser: Ihre Schwester sei heute im Stadion. Er erzählt von Riekes Mutter, von einem Satz, der sich bei der Band tief eingebrannt habe: Sie sei nicht wegen ihnen gestorben, sondern bei ihnen.
Dann setzt „Nur zu Besuch“ ein, und fast die ganze erste Welle geht in die Knie — ein stiller, kollektiver Moment des Gedenkens an Rieke Lax.
Seit Zürich hat sich diese Setlist-Reihenfolge etabliert: „Nur zu Besuch“, direkt gefolgt von „Steh auf, wenn du am Boden bist“ — dem Song, der mitten in einem schwarzen Moment Hoffnung verbreitet. Eine der besten Übergänge, die ich in ein paar tausend Konzerten erlebt habe.
Campino geht an diesem Abend deutlich weniger auf die grossen, schönen Momente ein als sonst. Der Grund: Die Toten Hosen kehren im Juli 2027 noch einmal nach Düsseldorf zurück, zum grossen Finale der Tour. Dieser Abend ist also kein Abschied.
Phasenweise wirkt Campino ungewohnt nervös. Vielleicht drückt das Gedenken an Rieke auf das Gemüt, vielleicht ist er angespannt, weil an diesen beiden Abenden beiden Abenden der vielleicht letzte Konzertfilm gedreht wird.
Meine Familie
Im ersten Zugabenblock dann die riesige Überraschung. Plötzlich betritt Sammy Amara, der Sänger der Broilers, die Bühne. Das Stadion ist ausser sich. Gemeinsam performen sie „Meine Familie“. Der Vorsatz, mich zurückzuhalten, hält genau bis zu den ersten Takten. Dann trägt es mich zurück in den Pit. Manche Momente sind zu einmalig, um sie nur von aussen anzusehen.
Der Moshpit ist nicht mehr zu halten. In Düsseldorf gehört es fast zum Ritual, dass bei jedem Heimspiel ein Freund der Band auf die Bühne kommt — aber das hier übertrifft jede Erwartung. Für viele ist es auch quasi ein Intro für das heiss erwartete erste Konzert der Broilers in genau diesem Stadion acht Tage später.
Und der Titel passt perfekt. „Meine Familie“ — als würde der Song aussprechen, was hier ohnehin gilt: dass diese Fangemeinde, all die Fremden, die im Pit miteinander Spass haben und sich auffangen, tatsächlich eine Art Familie sind. Das absolute Highlight des Abends. Campino selbst bringt es später auf den Punkt, als er sich für die jahrzehntelange Treue der Düsseldorfer bedankt: Das Publikum sei nicht nur Publikum, sondern Familie.
Stolz, kein Abschied
In der zweiten Zugabe dann wie auf der ganzen Tournee „Düsseldorf“ — ein Song, den die Band einzig ihrer eigenen Stadt gewidmet hat. Was durch die Reihen geht, lässt sich kaum anders nennen als Fierté: dieser unverkennbare Stolz eines Publikums, das seine Heimat besungen hört.
Was fehlt: jede Abschiedsstimmung. Keine Banner mit „Schenk ein, wir bleiben“ als Antwort auf den Tournamen. Es ist definitiv ein Konzert der Abschiedstournee — aber es ist kein Abschied.
Ganz am Ende, in der letzten Zugabe, noch „Eisgekühlter Bommerlunder“ — ein Song, der mir weniger gibt als die inzwischen fast setlistfüllenden Stücke mit mehr Tiefgang. Aber ehrlich: Die Reaktion des Publikums bei genau diesem Lied mitzuerleben, ist wunderschön.
Dieser Abend vergleichend einzuordnen ist schwierig. Traumhafte Momente. Schmerzhafte Momente. Einmalige Momente. Und vor allem: Düsseldorf ist Düsseldorf.
Nachhall
Im Hotel dieser Doppelzustand: todmüde und gleichzeitig hellwach. Das Adrenalin kennt keinen Feierabend, auch wenn die Rippen und die Schmerzmittel längst eine andere Sprache sprechen.
Dankbar bin ich nicht nur für ein unvergleichliches Konzert, sondern vor allem auch einer ganzen Stadt, die für ein Wochenende zur grössten Fanmeile wird.
| Titel | Trink Aus! Wir Müssen Gehen Tour 2026 |
| Datum | 3. Juli 2026 |
| Ort | Merkur Spiel-Arena, Düsseldorf |
| Besetzung | Die Toten Hosen · Rise Against · Bad Nerves |