Erste Hoffnungen
Am Vorabend überlege ich noch, ob ich überhaupt hingehen soll — die Schmerzen sind gross. Ich beschliesse: auf jeden Fall hingehen, es ruhig angehen. Auch wenn ich weiss, dass das schwierig werden wird.
Gegen 10:15 Uhr komme ich an, steige aus der U-Bahn — und traue meinen Augen nicht: An der U-Bahnstation grüsst ein grosses rotes Plakat: „Viel Spass bei den Hosen! Eure Die Ärzte“.
Ein wunderschöner Gruss unter ehemaligen Rivalen, der die Stimmung schon vor dem Einlass hebt und Hoffnungen weckt.
Kurz darauf bin ich dann schon vor Ort. Es ist natürlich viel zu früh, doch ich kann es kaum erwarten. Ich bin nicht allein, rund 100 Leute sind bereits vor Ort. Viele kenne ich inzwischen von den anderen Konzerten, die Vorfreude liegt spürbar in der Luft.
Jemand, der mit dem Camper direkt vor dem Stadion übernachtet hat, erzählt vom Vorabend: ein Soundcheck sei zu hören gewesen — er glaubt, dieser war mit Farin Urlaub. Die Hoffnung auf einen gemeinsamen Auftritt wird riesig.
Die Wartezeit vergeht wie im Flug. Ich komme mit anderen Fans ins Gespräch, tausche mich aus — und merke am Schluss, dass ich nicht einmal dazu gekommen bin, wie geplant am The-Warning-Artikel weiterzuschreiben.
Einlass
Dann der erste Dämpfer: der Scanner in meiner Schlange funktioniert nicht. Auch in der Schlange daneben nicht. Seit 10:30 Uhr hier — und jetzt die Angst, die erste Welle zu verpassen. Chaos, wie in Stuttgart.
Am Ende klappt es doch noch und ich bin in der ersten Welle. Das ist wirklich wichtig, denn das Olympiastadion ist riesig. Rund 70.000 Menschen füllen es bis auf den letzten Platz.
Ausserdem spielt der Himmel mit und trotz Schmerzen freue ich mich auf somit auf einen herrlichen Abend.
The Stranglers
Was für ein Auftakt. The Stranglers spielen exzellent, mit Klassikern wie „Tank“ und „No More Heroes“, dazwischen mit „Golden Brown“ ein ruhiger Kontrastpunkt. Das Publikum bleibt lange reserviert — bis „Always the Sun“ läuft, den offenbar alle kennen, und plötzlich singt das ganze Stadion den Refrain mit. Ich selbst tanze und singe von der ersten bis zur letzten Minute mit und amüsiere mich prächtig. Die Vorfreude auf das Ruhrpott Rodeo und das Rebellion Festival, wo die Band ebenfalls auftreten wird, ist riesig.
Beatsteaks
Eine interessante Wahl als Vorgruppe der Hosen — auf den zweiten Blick aber logisch, schliesslich kommt die Band selbst aus Berlin. Beim Publikum sind sie um einiges beliebter als die Stranglers: Viele kennen jeden Text auswendig und singen von Anfang an lauthals mit. Mit „Cut Off the Top / Wünsch dir was“ covern sie sogar einen Song des Headliners — ein Move, der mich ehrlich gesagt etwas seltsam anmutet: einen Song des Main Acts zu covern, kurz bevor der selbst auf die Bühne kommt?
Bei „Hello Joe“ dann der bisherige Höhepunkt der Stimmung: der ganze Block singt lauthals mit.
Und dann, zum ersten Mal an diesem Abend, öffnet sich ein Mosh-Pit. Vorsichtig gehe ich rein — und stürze prompt nach hinten. Im selben Moment merke ich mit Schrecken: instinktiv schütze ich meine angeschlagene linke Seite statt den Kopf, wie ich es eigentlich müsste. Ein gefährlicher Reflex. Die Lektion ist klar: Stürze sind ab sofort unbedingt zu vermeiden.
Die Toten Hosen
Sehr früh um Punkt 20 Uhr betreten die Hosen die Bühne. Das gesamte Programm wurde um 45 Minuten nach vorne geschoben. Unter Fans munkelt man: Um 23 Uhr spielt England, und Campino will wahrscheinlich das Spiel frisch geduscht miterleben.
Auch hier ist es ein wie schon in Stuttgart und Zürich ein authentisches Abschiednehmen. Zwischen den Songs nimmt sich Campino Zeit für Erinnerungen an seine eigene Punk-Vergangenheit in Berlin. Ich liebe diese Ausdrücke der Verbundenheit.
Er erzählt zum Beispiel vom allerersten Hosen-Gig am 20. April 1982 im SO36. Über den Club hat er auch einen schmunzelnden schönen Seitenhieb parat: „Für alle, die das SO36 nicht kennen: das ist der Club, der so sein will wie der Ratinger Hof.“. Er erzählt wie riskant es war, Risiko in Ost-Berlin aufzutreten und davon, dass eine legendäre Strassenschlacht in der Hasenheide der Auslöser für den Song „Liebeslied“ war, den sie selbstverständlich auch an diesem Abend spielen. Vor der Wannsee-Hymne droht er scherzhaft, das Wasser aus dem See abzulassen, sollte das Publikum nicht „lieb“ sein. Nebenbei erwähnt er, dass dies bereits der 65. Auftritt der Band in Berlin ist.
Wie immer startet das Konzert mit „Opel Gang“ durch. Wie typischerweise brodelt die Stimmung ab dem ersten Song. Ich weiss nicht, woran es liegt, aber es ging ein noch grösserer Schub durch die Menge wie sonst immer. Vielleicht die perfekten Temperaturen, vielleicht das riesige Stadion. Ein riesiger Pit bildet sich sofort in der Mitte, noch bedeutend grösser als sonst. Ich kann nicht widerstehen und bin sofort drin, allerdings vorsichtig, ganz hinten.
Campino hat eine riesige Freude. Er ist nicht nervös wie in Düsseldorf, er wirkt glücklich. Wie einem Mischung zwischen einem kleinen Kind und einem Hochleistungssportler rennt von einer Bühnenseite zur anderen, und bringt das ganze Stadion zum Kochen – was bei einer Arena dieser Dimension nicht immer ganz einfach ist.
Ein persönliches Highlight des Abends ist „Helden und Diebe“ — in München zum ersten Mal auf dieser Tour gespielt. Ich liebe den Song und ich hoffe sehr, dass er sich einen Stammplatz in der Setlist erobert. Bemerkenswert ist ja Verlauf der Tournee, wie sehr sich die Setlist von Konzert zu Konzert weiter verfeinert: Sie probieren immer wieder neue Songs aus und die Songs, die Emotionen wecken bleiben drin. Die Kombination „Nur zu Besuch“, gefolgt von „Steh auf, wenn du am Boden bist“, ist inzwischen fest ins Programm aufgenommen — als hätte sie schon immer dort hingehört. Eine der besten Kombinationen, die ich in meinen tausenden Konzerten erleben darf.
Auch bei „Nur zu Besuch“ gibt es bekanntermassen einen Berlin-Bezug: Campino hat diesen Song nach dem Tod seiner Mutter geschrieben, was er unterstreicht. Der Anfang des Songs beschreibe den Weg zum Waldfriedhof Zehlendorf, wo seine Eltern begraben liegen. An diesem Abend widmet er das Lied zusätzlich der kürzlich verstorbenen Bianca Klose, Mitbegründerin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus.
Im Vergleich zu Düsseldorf wirkt Campino an diesem Abend merklich entspannter, mit sichtlich mehr Freude an der Sache. Zwischen zwei Songs blickt er kurz in den Pit und begrüsst dort seinen Sohn Lenn — „in der zwölften Reihe.“
Ausserdem geniesse ich auch „Altes Fieber“ ausserordentlich. Ich denke zurück an die Silvesterparty, als mein Freund und DJ beschloss, für mich diesen Song als erstes Lied des neuen Jahrs zu spielen — er wusste selbstverständlich, dass sich bei mir zuhause DTH-Tickets für 2026/27 stapeln. Der erste Song des Jahres.
In den vorderen Reihen soll der Druck enorm gewesen sein — ich selbst bleibe das ganze Konzert über im hinteren Teil des Pits, in der ersten Welle, wo überraschend viel Platz ist. Extrem angenehm: einige ältere Semester und Frauen um mich herum, immer ein gutes Zeichen dafür, dass man riesig Fun hat, es aber eher gesittet zugeht. Zweimal mache ich trotz lädierter linken Seite einen langen Crowdsurf über die Menge.
Zum Abschluss des Hauptsets, bei „Hier kommt Alex“, bricht dann wie so oft der wildeste Pogo des ganzen Abends los. Eben wie immer — nur diesmal ein kleines bisschen mehr – aber auch sehr rücksichtsvoll. Alle sind glücklich.
Schon jetzt ein traumhaftes Konzert, das beste der Stadion-Gigs. Doch wir fiebern und warten alle …
Dann verlassen die Hosen kurz die Bühne — um Minuten später mit Verstärkung zurückzukehren: Sven Regener steht plötzlich mit auf der Bühne, gemeinsam spielen sie das eher unbekannte Element-of-Crime-Stück „Immer nur geliebt“, ein leises, fast zerbrechliches Lied über den Abschied. In diesem Moment sind wir alle überzeugt: Das war er, der Überraschungsgast des Abends. Mit den Ärzten rechnet niemand mehr. Ein bisschen Enttäuschung macht sich breit.
Umso grösser die Begeisterung, als kurz darauf tatsächlich Farin Urlaub die Bühne betritt. Er beginnt allein, nur instrumental begleitet von den Hosen, „Hier sind die Hosen“ zu singen — Kuddel macht Background-Vocals. Dann kommt Campino dazu, und die beiden liegen sich in den Armen. Ein Moment für die Geschichtsbücher, für mich so als würden sich Mick Jagger und Paul McCartney umarmen.
Dazu noch eine Bemerkung von Campino, die alle aufhorchen lässt: „Ich wette mit dir, dass das noch mindestens zwei Mal passieren wird.“ Was ist denn hier los? Danach folgt ein frenetisch bejubeltes „Schrei nach Liebe“.
Drei Zugabenblöcke lang wollen weder Band noch Publikum den Abend enden lassen — bis nach rund zweieinhalb Stunden und 33 Songs plus Intro und Outro doch der Schlusspunkt kommt. „Ich liebe das Leben“ läuft ab Band, Campino nimmt sich für die letzten Zeilen noch einmal das Mikrofon und singt mit, bevor er definitiv von der Bühne geht.
Mit Freudentränen sind wir im Stadion und können kaum glauben, was da heute passiert ist.
Fazit
Bisher mit Abstand das beste Stadionkonzert dieser Tour. Das absolute Highlight des Abends bleibt für mich Farin Urlaub — gefolgt von „Helden und Diebe“, der super angenehmen Stimmung im Pit und der spürbaren Spielfreude der Band. Dazu ein Abschiednehmen, das echt wirkt: keine leeren Floskeln, sondern ehrliche Erinnerungen der eigenen Stationen in Berlin.
Diverses
Vor jedem der drei Konzerte eine 600er Ibuprofen gegen die starken Schmerzen — das Atmen fällt schwer, aber der Pit ist diesmal ruhiger als sonst. Trotzdem bin ich danach völlig erledigt, im Hotel folgen noch 1,5 Liter Energy-Drink. An Schlafen ist ohnehin nicht zu denken, ich bin vollgepumpt mit Adrenalin.
| Titel | Die Toten Hosen, Trink aus! Wir müssen gehen - Tour 2026 |
| Datum | 11. Juli 2026 |
| Ort | Olympiastadion, Berlin |
| Besetzung | Campino (Gesang) · Kuddel (Gitarre) · Breiti (Gitarre) · Andi (Bass) · Vom (Schlagzeug) · Jet Baker (Keyboard) |