Die Toten Hosen Punk

Wasser, Traubenzucker, Ekstase: Die Toten Hosen in Zürich

Die Vernunft hat kein Stimmrecht

Von Dienstag bis Freitagmittag lag ich im Bett. Fieber, Erschöpfung, der Körper auf Vollstopp — und mit ihm die Frage, die sich am Freitagmittag noch ganz konkret stellte: Soll ich überhaupt hingehen? Vier Tage krank, und dann ein Stadionkonzert in der Hitze. Die Vernunft sagte nein. Aber die Vernunft hat bei solchen Entscheidungen schon lange kein Stimmrecht mehr.

Die grosse Familie

Am Samstag um halb eins stand ich vor dem Letzigrund — und sofort war klar, dass die Entscheidung richtig war. Die Atmosphäre vor dem Stadion hatte etwas Entspanntes, fast Familiäres. Die ersten Konzertfreunde aus der Region waren schon vor Ort, als ich ankam — und nach und nach tauchten weitere vertraute Gesichter auf, alte Bekannte, die geliebte Hosen-Familie, aber auch Gesichter, die man bei anderen Konzerten immer wieder trifft. Ein grosses Treffen Gleichgesinnter. Die grosse Familie, wie immer, wie überall auf dieser Tour.

Kein Stress.

Es geht rein. Ich will lossprinten, doch von weitem sehe ich: das wird easy. Auf jeder Seite Unmengen von Mitarbeitern für die Bändchen. Unkompliziert, schnell, reibungslos. Nach einer Minute bin ich in der ersten Welle.

Die erste Welle im Stadion ist winzig — kaum zehn Meter zwischen Bühne und dem hinteren Teil der Zone, fast intim für einen Ort dieser Grösse. Die Bühne ist so platziert, dass dieser schmale Streifen im Schatten liegt, und bei der Hitze dieses Nachmittags ist das keine Kleinigkeit, das ist das Entscheidende.

Bevor die Hosen das Wort übernehmen

Um 17:40 treten Grade 2 auf die Bühne — und liefern ab. Richtig ab. Im Pit entdecke ich ein Paar, das jedes Wort laut mitsingt, mit einer Inbrunst, die ansteckt. Fans der Beatsteaks und der Hosen gleichermassen, 300 Kilometer aus Innsbruck angereist — weil sie die Hosen genau mit diesen beiden Vorgruppen sehen wollen. Sie sprechen mir aus dem Herzen, und ihre strahlenden Augen sprechen Bände.

Dann kommen die Beatsteaks — eine Band, die ich liebe, und deren Auftritt ich herbeigefiebert habe. Und doch findet der Funke zunächst keinen Zunder. Die Hitze drückt, die meisten geniessen ruhig und warten schlicht auf den Hauptakt. Das poetisch-ruhig vorgetragene Van-Halen-Cover «Jump» passt perfekt in diese gedämpfte Spannung — ein letztes Durchatmen vor dem Sturm, schwerelos und schön.

Blitzkrieg Bop

Aber dann. Die Spannung steigt, fast körperlich spürbar, als ob die Luft im Stadion sich verändert. Als «Blitzkrieg Bop» vom Band läuft, weiss jeder, der schon einmal hier gestanden hat, was das bedeutet: es dauert nicht mehr lange. Das Intro setzt ein — diese retrospektivischen Filmeffekte, die ich inzwischen kenne, die ich inzwischen liebe, die mich jedes Mal aufs Neue in einen Zustand versetzen, der zwischen Vorfreude und Ungeduld kaum noch zu unterscheiden ist. Die Menge verdichtet sich. Der Atem stockt. Und dann schallt «Wir sind die Jungs von der Opelgang» aus den Lautsprechern — und die Ekstase beginnt.

Erster Song, und sofort geht es in der Mitte los, ohne Anlauf, ohne Aufwärmen — kein Halten mehr. Ich schwebe. Das ist das einzige Wort, das stimmt: schweben, sich der Bewegung hingeben, sich treiben lassen von der Welle, die durch die Menge geht. «Die Show muss weitergehen» — ja, immer, voll drin, ich bin ganz hier und nirgendwo sonst. So soll es sein. So liebe ich es seit Jahrzehnten.

Und Campino ist von Anfang an nah. Er ragt über die ersten Reihen, lehnt sich weit über die ausgestreckten Hände des Publikums, greift hinunter, klatscht ab — und was dabei geschieht, ist keine blosse Geste der Nähe, sondern etwas Physisches, etwas das man spürt. Eine Energie, die er in die Menge pumpt wie Strom in ein Netz, und die sich vom Epizentrum der ersten Reihen in konzentrischen Wellen über das ganze Stadion ausbreitet. Delirium. Auch Andi und Kuddel kommen immer wieder ganz nach vorne, suchen die Nähe, machen die Bühne zur Verlängerung des Publikums und das Publikum zur Verlängerung der Bühne. Die Energie ist keine Einbahnstrasse — sie fliesst in beide Richtungen, und man spürt das körperlich, als ob die Luft selbst unter Spannung stünde.

Beim sechsten Song, «Laune der Natur», bin ich froh, dass es einen Moment ruhiger wird — mir ist extrem heiss, der Körper kämpft auf mehreren Fronten gleichzeitig. Als der Song endet, stelle ich fest, dass mein Puls gut zwanzig Schläge höher liegt als normal, nach einer vergleichsweise ruhigen Nummer. Der Körper sendet klare Signale. Ich höre nicht hin — das ist die einzige Antwort, die in diesem Moment möglich ist.

Es geht weiter, und ich lasse mich weiter treiben, von Song zu Song, von Welle zu Welle. Doch nach dem zehnten Song meldet sich der Körper nicht mehr mit Signalen, sondern mit Tatsachen: Ich beginne zu taumeln. Ich gehe leicht zur Seite, Richtung Bühne, dorthin wo ich Wasser bekommen kann. Wasser. Traubenzucker. Ich lehne mich an und atme.

Der Song, den ich nicht mehr erwartet hatte

Dann eine Songankündigung, die alles verändert. «Nur zu Besuch.» Ich hatte ernsthaft befürchtet, diesen Song auf dieser Tour nie mehr live zu hören. Früher war er fester Bestandteil jeder zweiten Setlist, alternierend mit «Draussen vor der Tür» — auf dieser Tour fehlte er bisher bei jedem Konzert, das ich besucht hatte. Als die ersten Takte einsetzen, bin ich natürlich hier, stehe an dieser Absperrung in Zürich, in dieser Hitze — und gleichzeitig flimmern Bilder meiner Jugend mit meinem Papa durch den Kopf, Bilder die dieser Song immer heraufbeschwört, die er förmlich aus einem herausruft. Ich schliesse die Augen.

Am 25. Juni 2022, in Düsseldorf, hat mich dieser Song so überwältigt — die Gefühle im Gedenken an Papa so stark —, dass ich auf ein Knie ging und zu weinen begann. Mitten im Moshpit. Einige der mich umgebenden Menschen legten ihre Hand auf meine Schulter, fremde und vertraute gleichermassen, um mich zu trösten. Danach kam «Pushed Again», und der sofortige Rückruf in die Gegenwart war fast brutal in seiner Klarheit — und tat gleichzeitig unendlich gut.

Doch ich bin in Zürich, mit meinen flackernden Bildern vergangener Tage — und dann passiert etwas Magisches.

Als ich die Augen öffne, stehe ich in einer knieenden Menge. Fast der ganze Sektor ist auf einem Knie. Ich habe keine Ahnung, wie lange mein Kopfkino schon lief und was hier eigentlich passiert ist. Eine verkehrte Welt. Ich bin überwältigt.

Ich gehe auch runter, auf ein Knie — und spüre tief in mir, mit einer Klarheit, die keine Worte braucht: du bist nicht allein. Ein unglaubliches Gefühl der Gemeinschaft, das sich nicht erzwingen lässt und das man nicht plant. Es passiert einfach. Die Dankbarkeit, diesen Song noch einmal live erleben zu dürfen, gibt mir Adrenalin — eine neue Welle, die durch mich hindurchgeht.

Und als ob das nicht genug wäre, schaffen die Hosen diesmal zusätzlich zu diesem Geschenk von einem Song noch den bestmöglichen thematischen Übergang: «Steh auf, wenn du am Boden bist.» Dieser Song ist so stark, so mächtig — mit seiner klaren Botschaft hat er meiner Meinung nach Leben gerettet. Die Wucht dieses Kontrasts, mit welcher man zurückgeholt wird, ist gewaltig.

Ich will nicht aufgeben

Damit zieht es mich wieder zurück. Ich gehe in den Moshpit — nicht in die Mitte, sondern in den hinteren Teil, wo die Dichte am niedrigsten ist und man mehr Platz hat, mehr Luft. Ich will nicht aufgeben. Ich schwebe wieder.

Fünf Songs später, während «Pushed Again», sagt mein Körper erneut und diesmal endgültig Stopp. Es fühlt sich an, als ob alle Zeiger gleichzeitig auf tiefrot springen, als ob sämtliche Reserven auf einmal leer sind. Ich rette mich zur Seite, langsam, konzentriert, und am Ende hänge ich an der Absperrung wie ein Boxer in der Ringecke zwischen zwei Runden — erschöpft bis in die Knochen, aber noch aufrecht. Wasser. Traubenzucker. Die latente Angst, umzukippen, ist real und konkret — und gleichzeitig ist die Gewissheit, dass ich nirgendwo sonst sein will, genauso real. Sollte ich zu den Sanitätern? Nein, kommt nicht in Frage. Wenn ich hier umkippe, schaut man auf mich. Es wird schon gehen.

Ein anderer Blickwinkel

Von der Absperrung aus sehe ich das Konzert unter einem neuen Blickwinkel. Nicht mehr mittendrin, sondern leicht daneben — und plötzlich sieht man Dinge, die man mit dem Blickfokus auf die Bühnenmitte viel weniger stark realisiert. Campino, immerhin fünf Jahre älter als ich, sprintet von links nach rechts über die Bühne, immer wieder, ohne zu zögern, ohne ausser Atem zu kommen. Eine Energie, die schlicht nicht zu erklären ist. Und Andi und Kuddel suchen auch hier immer wieder die Nähe des Publikums — kommen an die Seiten der Bühne, suchen den Kontakt, auch dort wo die Menge nicht so dicht ist.

Und dann passiert etwas, das man so nicht erwartet — und das den Abend auf eine ganz andere Art unvergesslich macht. Bei «Zehn kleine Jägermeister» verzählt sich Campino, überspringt einen Vers, korrigiert sich sofort und setzt neu an. Bei der Vorstellung der Bandmitglieder vergisst er Vom, bricht den nächsten Song sofort ab und stellt ihn im Spass als denjenigen vor, der als Einziger ein Solo spielen kann. Einmal meint er, es liege am Alkohol. Einmal am Alter. Das Stadion lacht, Campino lacht — und in diesem Moment ist er nicht der unermüdliche Frontmann, der eben noch von links nach rechts gesprintet ist. Er ist auch nur ein Mensch.

Ich geniesse es, das Konzert leicht seitlich aus einem anderen Blickwinkel zu sehen — und bei «You’ll Never Walk Alone» habe ich den wunderschönen Überblick über die Menge, aus welcher die Flaggenträger herausragen. Dieses Bild von Individualität und Zusammengehörigkeit gibt es sonst nie. Ein Traum.

Als der Song vorbei ist, kommen alle sechs nach vorne und verabschieden sich herzlich — wie schon in Stuttgart, Esch und Mailand. Nur heute realisiere ich die Hintergrundmusik, die ab Band läuft während sie winken und gehen: «All You Need Is Love». Ja. Genau das war das Motto dieses Abends. Sie haben uns mit Unmengen an Liebe und Dankbarkeit überschüttet.

Sie hätten es nicht besser sagen können. Und sie haben es nicht gesagt — sie haben es gespielt, gelebt, hineingeschüttet in jeden Song, jeden Sprint, jede ausgestreckte Hand. All you need is love.

Konzertdaten
TitelTrink aus! Wir müssen gehen — Tour 2026
Datum20.06.2026
OrtStadion Letzigrund, Zürich
BesetzungCampino (Gesang) · Kuddel (Gitarre) · Breiti (Gitarre) · Andi (Bass) · Vom (Schlagzeug) · Jet Baker (Keyboard) - Support: Grade 2 · Beatsteaks
Die Toten Hosen — Zürich, 20. Juni 2026
1. Trink aus (Intro ab Band) · 2. Opel-Gang · 3. Die Show muss weitergehen · 4. Wir waren nie weg · 5. Auswärtsspiel · 6. Du lebst nur einmal · 7. Laune der Natur · 8. Das ist der Moment · 9. Nur nach vorn · 10. Altes Fieber · 11. Schlechte Nachbarn · 12. Wannsee · 13. Liebeslied · 14. Was ist mit uns los · 15. Alle sagen das · 16. Nur zu Besuch · 17. Steh auf wenn du am Boden bist · 18. Bonnie & Clyde · 19. Wort zum Sonntag · 20. Was früher einmal war · 21. Alles aus Liebe · 22. Pushed Again · 23. Wünsch dir was · 24. Hier kommt Alex
Zugabe: 25. Halbstark · 26. Zehn kleine Jägermeister · 27. Tage wie diese
Zugabe: 28. Alles wird vorübergehen · 29. Schrei nach Liebe (Die Ärzte cover) · 30. Schönen Gruß auf Wiederseh'n
Zugabe: 31. Freunde · 32. Trink aus · 33. You'll Never Walk Alone (Rodgers & Hammerstein cover) · 34. All You Need is Love (Beatles; Outro ab Band)