Oper

La Traviata und die Seebühne — meine Lieblingsoper, neu gesehen

Champagner, Scherben, ein Tod im See — Bregenz erzählt Verdi neu

Meine Lieblingsoper, endlich auf der Seebühne. Hier habe ich sie noch nie gesehen — und ich sass mittendrin in der Premiere.

Ein Spiegel dominiert die Bühne. Es ist ein riesiger, zerborstener Spiegel, der die Fragilität Violettas geradezu herausschneidet und gleichzeitig das Unglück andeutet, das über der ganzen Geschichte schwebt, lange bevor es eintritt. Michieletto verlegt die Geschichte in die 1920er Jahre, Champagner und Federboas, Glitzer und Trompeten. Doch der Glanz hat einen Riss.

Mittendrin Marjukka Tepponen als Violetta, die diesen Konflikt von der ersten bis zur letzten Note hörbar macht — ihre Stimme tänzelt bei den opulenten Szenen durch die Koloraturen, besticht in den lyrischen Passagen und im dritten Akt bricht sie einem fast das Herz. Mehrere völlig verschiedene Frauen in einer Stimme, und alle trägt sie mühelos.

Wie in Bregenz üblich wird das umgebende Wasser miteinbezogen. Und wie. Die ohnehin riesige Bühne wird enorm, denn die Seebühne reicht bis weit in den See hinaus. Bei den Festen tanzt, plantscht, glitzert es dort überall. Wenn Violetta allein ist, wird genau dieser Raum zur Leere um sie herum. Und als sie mit Germont, Alfredos Vater, streitet — zwischen ihnen liegen Welten. Sie sind nicht nur physisch entfernt, sondern stehen im Wasser und an Land. Vladimir Stoyanov gibt diesem Vater eine Stimme wie ein Fels, der trotzdem singt wie Samt — man spürt in jeder Note den Konflikt, den er in sich trägt, Pflicht gegen Mitgefühl, Sohn gegen Fremde. Phänomenal.

Diese Inszenierung kann man lieben oder hassen. Ich fand sie herrlich.

Ganz am Schluss geht Violetta nicht in Alfredos Armen unter, wie ich es bisher immer gesehen habe — und vielleicht ist gerade das der richtige Abschied. Julien Behr bleibt als Alfredo den ganzen Abend seltsam kühl, schön anzuhören, ja, aber genau dort, wo es wehtun sollte, in den grossen Momenten mit Violetta, fehlt das Feuer.

Wie es der Regisseur will, läuft sie, während der letzten Arie, ganz allein hinaus, weit weg von allen anderen Sängern, bis zu einem Spiegelfragment im Wasser. Dort bricht sie zusammen und stirbt, ganz allein. Als würde sich ihre Seele schon vor ihrem letzten Atemzug verabschieden. So habe ich diesen Tod noch nie gesehen.

Einzig eine bleibt ihr immer treu: Annina. Eine kleine Rolle, die für mich viel grösser und subtiler ist, als man aufgrund ihrer Bedeutung in der Oper denken würde. Melissa Zgouridi gibt ihr eine warme, weiche Stimme, die sich sanft wie eine Umarmung um Violetta legt.

Darunter, tragend, die Wiener Symphoniker unter Kirill Karabits — makellos, und in den zarten Momenten von einer Wärme, die einem selbst kalt den Rücken hinunterläuft. Die Streicher an diesem Abend: grossartig.

Aber dann, am Ende, dieser Applaus. Höflich. Verhalten. Fast schüchtern, für das, was ich gerade gesehen hatte. Ich war ein bisschen traurig darüber. Aber vielleicht passte es. Sogar das Publikum liess Violetta, die allein vor ihnen lag, allein zurück.

Sie liegt dort draussen, auf ihrem Spiegelfragment, ganz allein. Und ich bleibe zurück mit dem Gefühl, meine Lieblingsoper nach der phänomenalen Aufführung in Basel wieder einmal ganz neu gesehen zu haben.

Konzertdaten
TitelLa Traviata
Datum22. Juli 2026
Festival80. Bregenzer Festspiele
OrtSeebühne, Bregenz
BesetzungMarjukka Tepponen (Violetta Valéry) · Julien Behr (Alfredo Germont) · Vladimir Stoyanov (Giorgio Germont) · Melissa Zgouridi (Annina) · Kirill Karabits (Musikalische Leitung, Wiener Symphoniker) · Damiano Michieletto (Regie) · Paolo Fantin (Bühne) · Carla Teti (Kostüme)

Wertung
Violetta (Tepponen)
+
Alfredo (Behr)
Germont (Stoyanov)
Annina (Zgouridi)
Orchester (Wiener Symphoniker)
Gesamteindruck

Zur Oper

Komponist: Giuseppe Verdi · Libretto: Francesco Maria Piave, nach 'La Dame aux camélias' von Alexandre Dumas fils · Uraufführung: 6. März 1853, Teatro La Fenice, Venedig · Bregenz-Premiere (Seebühne): 22. Juli 2026, erstmals in der 80-jährigen Festspielgeschichte