In einem alten Industriebau unweit des Bahnhofs Zofingen steckt der Club OXIL, ein wunderschönes Kleinod. Getragen wird er vom Verein OX Kultur und der Offenen Jugendarbeit, und er trägt ein Label für kulturelle Inklusion. Auch Raucher werden nicht ausgeschlossen, das OXIL ist einer der wenigen Orte mit Fumoir. Dass sie mit so viel Herzblut die grossen Los Fastidios in ihren kleinen Club geholt haben, verdient unglaublich viel Respekt. Und es geht ihnen wirklich darum, Freude zu schenken: Das Ticket kostet 25 Franken.
Ich komme in den Club und lasse den Blick schweifen. Von der Decke hängen LPs und kleine Discokugeln, hinten stehen Ledersofas, in denen man versinkt. Liebe auf den ersten Blick.
Den Spirit des Clubs erkennt man an der Toilettentür:

Für dieses Konzert hat mir der Club eine Fotoakkreditierung für diesen Blog erteilt, obwohl ich noch keine Erfahrung vorweisen kann. Ich habe mich unglaublich gefreut und danke dem OXIL-Team von ganzem Herzen: Es hat mir diese Erfahrung ermöglicht, und die rasche Zusage hat mir den Mut gegeben, an mich zu glauben und weitere Anfragen zu stellen.
Auf dem Programm standen Los Fastidios aus Verona, eröffnet wurde der Abend von The Fags und Baffo d’Oro.
The Fags
Rund sechzig Leute stehen im Saal, als The Fags um 20:30 loslegen: ein Duo, Gianpi Ramone an Gitarre und Gesang, Berno am Schlagzeug. Ob Ramone ein Künstlername ist oder der echte Name, weiss ich nicht. Es geht jedenfalls richtig gut ab. Die musikalische Nähe zu den grossen Namensvettern ist streckenweise nicht zu leugnen, dazu kommen Metal-Einsprengsel. Der Sound ist geradlinig, rasant, mitreissend, und in nur 45 Minuten jagen sie 15 Songs durch den Raum. Ihr miserables kleines Leben hätten sie in diese Lieder verpackt, sagt der Sänger augenzwinkernd, und alle schmunzeln.
Tatsächlich geht es in den Texten um Alkohol, Masturbation und den Wunsch, ein Toy Boy zu sein. Keine Weltprobleme also. Das Publikum amüsiert sich, einige kennen jede Zeile. Bei einem Stück springt ein Fan gleich mehrmals auf die Bühne, singt eine Strophe und hüpft wieder hinunter. So etwas gibt es nur in so kleinen Clubs. Ein Traum.
Ganz vorne mischen zwei Rollstuhlfahrende mit. Sie haben sichtlich Spass und lassen ihre Rollstühle immer wieder hüpfen. Ich finde die beiden herrlich.
Seitlich der Bühne stehen Enrico und Elisa von Los Fastidios und schauen sich den Grossteil des Auftritts an. Diese Wertschätzung, die sie bei all ihren Konzerten den anderen Künstlern entgegenbringen, liebe ich.

Baffo d’Oro
Es war die letzte Gelegenheit, Baffo d’Oro vor ihrer UK-Tour in der Schweiz zu sehen, und erstaunlich viele, mit denen ich gesprochen hatte, waren wegen ihnen ins OXIL gekommen. Entsprechend gross war meine Neugier.
Das Konzert beginnt mit synchronen Riffs, die sich wie eine stehende Welle in den Zuschauerraum ausbreiten. Doch es entsteht kein geradliniger, harter Punk, wie ich ihn erwarte. Ich verliere die Orientierung, denn das Set ist immer wieder durchzogen von komplexen, psychedelisch anmutenden Strukturen. Zehn Sekunden lang bin ich bei den Talking Heads, dann kurz bei den Stranglers, dann gerader Garage-Punk, um erneut in psychedelischen Untiefen zu versinken. Immer wieder finden sie den Weg zum Punk zurück, um danach wieder abzutauchen.
Im kleinen Saal passiert, was bei The Fags schon begann: Die beiden Rollstuhlfahrenden drehen direkt vor der Bühne einen engen Circle Pit. Das Publikum ist allerdings etwas reservierter, es bewegt sich, aber eine Punk-Stimmung kommt nicht auf. Beim sehr treibenden und simplen Song «Stürmerstar» wirft der Sänger einen Wasserball in die Menge und ruft den Refrain, den danach alle mitschreien: «Ine mit em Bölla! Ane mit de Chölle!»
Ich liebe auch den Moment, als er über den Überlebenskampf kleiner Locations spricht, ganz ohne Pathos: Damit Live-Musik am Leben bleibt, sagt er und zeigt zur Bar, müssen wir Bier trinken. Und – sein Arm schwenkt 90 Grad nach links – Merch kaufen.
Doch eine Ansage fällt aus der Reihe und irritiert mich: verschwörungstheoretische Bemerkungen zu Covid? Irgendwie passt das nicht dazu und ich denke, ich habe mich verhört. Ich bin auf jeden Fall nicht allein: Jemand läuft zur Bühne, zeigt den Finger und verlässt den Saal. Mit einem Song namens «Birds Aren’t Real» auf der Setlist liegt der Satire-Verdacht allerdings nahe. Sehr nahe. Die Schwierigkeit, dies einzuordnen, hat meine Freude am Auftritt signifikant gemindert und meine subjektive Bewertung nach unten gezogen.
Nachtrag, 8. Oktober 2026
Nach der Veröffentlichung hatte ich einen wertvollen Austausch mit Michel Ducommun. Er schreibt die Lyrics der Songs der Band und hat die Ansage gemacht, die mich irritiert hat. Er wollte damit genau das Gegenteil ausdrücken. Thematisch ging es ihm um Kritik daran, dass manche Menschen, auch aus seinem Freundeskreis, blindlings Gurus folgten. Familien seien auseinandergerissen worden, und gute Freunde hätten den Kontakt fast vollständig abgebrochen. Der Band und ihm als Texter gehe es mit jedem Song darum, gesellschaftlichen Themen wie Unterdrückung und Ausbeutung ein menschliches Gesicht zu geben. Sie seien gesellschaftskritische Betrachter der Realitäten, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen, und gesellschaftliche Themen häufig in persönliche Geschichten und Alltagserfahrungen verpacken.
Das Gespräch zeigt mir, wie leicht eine Botschaft anders ankommt, als sie gemeint war. Ich musste an Campino denken, der bekanntlich Fan des Liverpool FC ist. Vor zwei Monaten bin ich ihm zufällig im Zug begegnet und habe ihn gefragt, warum die Toten Hosen am Rebellion Festival ihre Hymne «You’ll Never Walk Alone» nicht gespielt haben. Seine Antwort: In England sei der Song zu stark mit einem Fussballclub verknüpft, und er habe kein Fass aufmachen wollen. Dabei hat der Song bei einem Konzert der Toten Hosen eine ganz andere Bedeutung: Gemeinschaft und Zusammenhalt der Fans. Die Menschen, die mich umarmt haben, als ich das brauchte. Die Menschen, die mir Platz gemacht haben, als ich trotz Rippenbruch getanzt habe. Derselbe Song, und je nach Kontext kommt etwas völlig anderes an. Eine einzelne Ansage reicht kaum, um das zu erklären.
An meiner Bewertung ändere ich nichts: Sie hält fest, wie der Auftritt an diesem Abend bei mir angekommen ist. Die Ansage sehe ich nach dem Gespräch mit Michel Ducommun heute anders und die Bewertung wäre mit diesem Wissen heute vier Sterne statt drei.
Campino weiss mittlerweile, wie viel vom Kontext abhängt. Er musste es wahrscheinlich auch irgendwann hart erlernen. Michel Ducommun hat es im OXIL erlebt.

Los Fastidios
Das OXIL ist so klein, dass die Künstler beim Soundcheck sowie beim Auf- und Abbau selbst mit anpacken. Auch für Los Fastidios ist das kein Problem, hier im Wohnzimmer. Immer wieder überrascht es mich ausserdem, wie kleine Clubs mit bescheidenen Mitteln einen richtig guten Sound hinbekommen – das OXIL macht da keine Ausnahme.
35 Jahre sind Los Fastidios inzwischen on the Road, und bei ihnen heisst das: fast ohne Pause. Allein dieses Jahr habe ich sie schon mehrfach gesehen: im März im Dynamo Zürich, Ende Juni beim Ruhrpott Rodeo und im August in Blackpool am Rebellion Festival, wo sie zwei Mal auftraten und neben ihrem normalen Set auch eine Unplugged Session gaben. Sie haben sich in den vier Tagen des Festivals auch nicht verschanzt, sondern mischten sich unter die Menge und tanzten sie bei diversen Konzerten immer wieder mit. Ich habe sie darauf angesprochen, wie schön es ist, sie tanzen zu sehen. Die Positivität in ihren Augen und im Gespräch ist immer allgegenwärtig, und sie tut der Seele gut.
Um 22:35 betreten sie die Bühne, und die Begeisterung ist sofort da. «You’re So Young» schickt alle auf der Stelle auf die Tanzfläche, niemand steht mehr ruhig. Sekunde eins, Vollgas. Dann geht es Schlag auf Schlag weiter mit «Radio Babylon», «Back in ’79», «Clandestino» und «Skankin‘ Town». Fast alle im leider ziemlich spärlichen Publikum kennen den Grossteil der Texte und singen mit.
Bei «Take a Stand» wird die Botschaft des Abends ganz klar: Man muss sich stark machen und gegen Ungerechtigkeit kämpfen. In diesem maximal inklusiven Raum ist das mehr als ein Songtext. Ich liebe es, wie Los Fastidios ihre kämpferische, antifaschistische Haltung mit so viel Herz verbinden. So entsteht eine Gemeinschaft, und wir sind mittendrin.
Dann «Antifa Hooligans», die antifaschistische Hymne aus der Kurve von Verona, ihrer Heimatstadt. Maximale Stimmung: Seitlich öffnet sich ein Micro-Moshpit mit fünf Personen, und überall sehe ich strahlende Gesichter. Genau das meint der Song für mich: klare Haltung, die Freude macht.
Alle sind glücklich, doch der Abend ist noch lange nicht vorbei. Ein Zugabenblock folgt, der es in sich hat und mit «Bella Ciao» seinen Höhepunkt findet. Bevor es hinaus in die Nacht geht, gibt es zum Schluss, als Sahnehäubchen, ein Ska-Medley, und das Glück ist unbeschreiblich.
Am Ende bekomme ich die Setlist geschenkt. Signiert. Wow!
Und es kommt noch besser: Nach dem Konzert spreche ich mit Enrico De Angelis und Elisa Dixan, herrlich und offen. Elisa erinnert sich an unser Gespräch im Dynamo im März. Mit The Fags habe sie schon oft gespielt, Baffo d’Oro seien neu für sie gewesen. Ich sage ihnen, wie super ich es finde, dass sie sich auch die Vorbands anhören, und bedanke mich, dass sie so kleine Venues spielen. Sie danken uns Fans für den Support.
Ich freue mich schon auf die nächsten Konzerte: am 18. Dezember in Luzern, am 22. Januar in Bern und am 23. Januar im Dynamo.

| Titel | Los Fastidios // The Fags // Baffo d'Oro |
| Datum | 3. Oktober 2026 |
| Ort | OXIL Zofingen |
| Besetzung | Los Fastidios (Enrico De Angelis, Elisa Dixan, Midio, Gek, Dexi) · The Fags (Gianpi Ramone, Berno) · Baffo d'Oro (Michel Ducommun, Kaspar Gyger, Björn Fischer, Orlando Willi) |
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Gerhard Hartsleben · klangsog.ch · Oktober 2026