Ankunft am Teich
Vor Ort treffe ich meine Freunde Céline und Lorenzo, die ich vom Ruhrpott-Rodeo kenne. Wir reden über Ruhrpott, über das Frank-Turner-Konzert vor drei Jahren und freuen uns auf zukünftige gemeinsame Konzerterlebnisse — der gesamte Zeitstrahl in einem Mikrokosmos komprimiert.
Auf der Bühne spielt derweil Katacombs von 19:00 bis 19:40 Uhr. Dark-Folk trifft auf Indie-Americana, ihre Stimme ist rauchig-warm, fast schon zärtlich, legt sich wie eine warme Brise über den Platz. Ruhig, ätherisch, reduziert — der perfekte Einstieg in einen Abend, der bald noch viel ungeschliffener werden sollte.
Zurück, aber ohne die „Lazy Bastards“
Als Frank Turner um 20 Uhr auf der Bühne steht — Show Nummer 3169 seiner Karriere —, klingt es, als sei er direkt vom Flughafen hierher und ohne Umweg auf die Bühne gelangt — kein Soundcheck, kein Einspielen, einfach: Gitarre, Mikro, los. Er sagt, als er auf die Bühne tritt, von über 3000 Konzerten sei dies wahrscheinlich dasjenige, für das er sich am wenigsten vorbereitet fühle, macht dann kurz einen Soundcheck an Ort und Stelle — mit ein paar spontan gereimter Zeilen über Rubigen und die Mühle Hunziken, gesungen zur Melodie von „Hey Jude“. Der Ton für den Abend ist gesetzt: intim, herzlich, voller Spiellaune und Witz.

Zuletzt war Turner 2023 mit voller Band, den Sleeping Souls, auf eben dieser Bühne am Teich. Eine ekstatische Openairshow, an die ich mich gut erinnere. Diesmal kommt er allein. Mit breitem Schmunzeln erklärt er dem Publikum, dass seine „lazy bastards“ heute nicht dabei seien — das Publikum lacht.
Und tatsächlich: Ohne Band ist es ein anderer Abend. Weniger Punk, weniger Moshpit, mehr Singer-Songwriter, mehr Raum für Turners liebste Beschäftigung zwischen den Songs — erzählen. Er ist bestens gelaunt, plaudert viel, erinnert sich unter anderem an seine allererste Schweiz-Tournee, als so gut wie niemand kam. Acht Städte, acht Konzerte — in St. Gallen musste die Show notgedrungen in die Eingangshalle verlegt werden, weil ganze vier Besucher aufgetaucht waren.
Schon beim dritten Song, „Do One“, kommt der erste richtige Ausbruch. Beim mitreissenden „Do, do, do, do, do, do, do, do“ ist das Zentrum nicht mehr zu halten, und in der Mitte, ein paar Meter vor der Bühne, entsteht der erste Pit. Wie viel Energie tatsächlich im Publikum steckt, zeigt sich, als jemand auf die Bühne klettert und sich mit sauberer Haltungsnote — hoher Absprung, halbe Schraube, Landung auf dem Rücken — ins Publikum wirft.
Der Funke ist immer da
Die Verbindung zum Publikum ist ungebrochen. Die Zuschauer kennen jede Zeile auswendig — auch bei den selten gespielten, wenig bekannten Songs wird lauthals mitgesungen.
Natürlich gibt es Passagen, die so berühmt und legendär sind, dass Turner mit seiner Gitarre kurz neben das Mikrofon tritt, weil er weiss: Das Publikum übernimmt. Bei „The Ballad of Me and My Friends“ sind enorm viele Personen textsicher. Ich nicht zu 100 Prozent — obwohl ich passiv jede Strophe kenne und den Song liebe. Doch bei der Passage, auf die sich der ganze Song zuspitzt, brülle auch ich mit, so laut ich kann: „And we’re definitely going to hell, but we’ll have all the best stories to tell. Yes I’m definitely going to hell, but I’ll have all the best stories to tell.“ Das ist so stark und fordert dermassen nach Vollgas, dass es schwer zu beschreiben ist.
Getragen bis zum Schluss
Vor der Zugabe stimmt Turner seine akustische Gitarre. Gleichzeitig erzählt er, mit extrem viel Wortwitz, wie das übliche Ritual jetzt ablaufen würde. Er würde sich für eine Minute und acht Sekunden von der Bühne zurückziehen. Das Publikum würde derweil mit Tränen in den Augen zwischen Verzweiflung, Schock und Hoffnung schwanken. Dann käme er pünktlich nach dieser einen Minute und acht Sekunden zurück, das Publikum trockne sich die Tränen und empfange ihn mit offenem Herzen. Bei jedem Halbsatz lacht das Publikum. Dann verkündet er, er werde sich dieser Norm widersetzen, er rebelliere dagegen — das sei doch viel schöner, als eine Minute und acht Sekunden zu warten und zu klatschen. Seine Dramaturgie war viel, viel besser als eine Minute Applaus. Ich habe sie geliebt. Wie angekündigt bleibt er auf der Bühne und startet mit den Zugaben.
Der emotionale Höhepunkt kommt mit der letzten Zugabe, „I Still Believe“. Ich werde hochgehoben und getragen — wer mich hochgezogen hat, hilft über die ganze Strecke, sodass ich trotz Löcher unglaublich weit und lange nach hinten über die Köpfe surfen kann. Ich feiere den Song ab. Hier über den Köpfen ist es noch viel stärker, lebendiger. Ich geniesse es, durch die Menge getragen zu werden, und singe mir die Lunge aus dem Leib bei den letzten Worten des Abends: „Now who’d have thought that after all, something so simple, something so small… Who’d have thought that after all it’s rock ’n‘ roll?“. Nach den letzten Tönen, als ich wieder unten bin, falle ich in die Arme der Person, die mich hochgehoben hat.

Und danach gibt es noch eine andere, herrliche Überraschung: Ein Paar kommt auf mich zu, sie zeigt mir Fotos, auf denen man mich surfen sieht. Wunderschöne Fotos. Und ich bekomme sie — welch ein Geschenk, ich bin ausser mir vor Freude. Nur selten bekomme ich Fotos meiner Surfs. Und auch diesmal werde ich versuchen, was mir bisher immer gelungen ist: Ich werde dem Künstler, hier Frank Turner, schreiben und ihn darum bitten, es zu signieren. Eine Erinnerung fürs Leben.
Ein Konzert, das weniger explosiv war als sein letzter Auftritt hier mit Band — aber unglaublich persönlich, chaotisch-charmant und ehrlich. Es war eine traumhafte Show.
| Titel | Frank Turner (Solo akustisch) |
| Datum | 28. August 2026 |
| Ort | Bühne am Teich, Mühle Hunziken, Rubigen |
| Besetzung | Frank Turner (Gesang, Gitarre) · Support: Katacombs |