Der Musiksaal des Stadtcasinos riecht nach Vorfreude. Aber die Stühle sind bequem. Das ist das Problem.
Rock ’n‘ Roll ab Sekunde eins.
«Überdosis Rock ’n‘ Roll». Dann «Rock ’n‘ Roll Schuah».
Barny Murphy zupft seine Gitarre, als würde er etwas wecken, das nur auf diesen Moment gewartet hat. Günther Sigl steht vorne und lacht — nicht ins Publikum, sondern mit ihm. Ein Schmäh, ein Blick, ein Nicken. Der Raum öffnet sich.
Nach zwei Songs dreht er sich ins Publikum.
«Wöits no meh Rock ’n‘ Roll?»
Das Publikum schreit.
«Mir könnans eh nix anders.»
Man glaubt es ihnen sofort.
Sigl erklärt nichts. Er zeigt. Immer wieder hält er die eigenen Lieder gegen ihr Urbild — wie ein Wasserzeichen gegen das Licht, das plötzlich eine zweite Zeichnung freigibt.
«Schickeria» wächst aus «That’s All Right» heraus, shuffelnd, hüftschwingerisch, als wäre München immer schon Memphis gewesen.
Und «Skandal im Sperrbezirk» kommt nicht als Triumphmarsch. Erst «Rock Around the Clock» — aufs Akustische heruntergebrochen, bluesig, fast zerbrechlich, ein altes Foto gegen das Licht. Dann gleitet die Melodie hinüber. Die beiden Stücke klingen nicht gleich. Aber plötzlich sieht man die Adern darunter. Die Verwandtschaft. Tief im Knochen.
Der Saal ist an diesem Abend eine überkritische Flüssigkeit. Alles da — und doch fehlt der eine Druckpunkt. Das Publikum trinkt die Musik langsam, will sich hineinlegen, will nicht gestört werden beim Erinnern.
An der Peripherie beginnt jemand zu tanzen.
Niemand gesellt sich dazu.
Sie bleibt allein — eine Flamme, die niemand anzündet.
Es ist ein bisschen wie der Frosch im Hals, den die Gang besingt — «Mit’n Frosch im Hois und Schwammerl in de Knia». Man will. Aber man traut sich nicht. Der Fuss wippt. Die Hand hält die Stuhllehne. Der Körper lehnt sich vor — und zurück.
Ich sitze in der ersten Reihe, Mitte, direkt vor Sigl. Nah genug, um seine Augen zu sehen, wenn er singt. Aufstehen und mich zur Seite gesellen hiesse: eine Lücke direkt vor dem Sänger, ein ausgebrochener Zahn im ersten Glied. Und falls ich aufstehe, schiebe ich mich ins Blickfeld der Schwelgenden hinter mir wie ein Fremdkörper. Also bleibe ich sitzen. Kurz vor dem Phasenübergang.
Dann knackt es.
«Ich grüsse alle und den Rest der Welt» — eingeleitet durch «Let’s Twist Again». Sigl fordert auf. Nicht bittet. Fordert. Und die meisten stehen. Sie singen — laut, textsicher, als hätten sie den Text nie vergessen, nur kurz in einer Schublade verwahrt, die sich jetzt öffnet. Ausgerechnet bei dem Lied, das immer schon für alle war.
Dann «Ich schau‘ dich an» — und alle setzen sich wieder. Das Meer, das kurz zurückweicht. Bevor «Rock Around the Clock» in «Skandal im Sperrbezirk» gleitet und der Saal ein zweites Mal aufspringt — diesmal ohne Zögern, ohne Frosch im Hals.
Die Zugaben lassen niemanden mehr sitzen. «So a schöner Tag», «Herzklopfen», «Mir san a bayrische Band» — durchgetanzt, durchgesungen. Man fühlt sich bayerisch an diesem Abend. Auch hier, weit weg von der Isar.
Alle werden älter. Sigl trinkt Apfelschorle statt Bier — er sagt es selbst, mit einem Schmunzeln, das die halbe Bühne erhellt. Aber der Witz sitzt. Der Blick strahlt. Die Gitarre klingt, als hätte sie nie aufgehört.
München eben.







| Titel | Spider Murphy Gang – Unplugged |
| Datum | 21. Mai 2026 |
| Ort | Stadtcasino Basel – Musiksaal |
| Besetzung | Günther Sigl (Gesang) · Barny Murphy (Gitarre) · Willie Duncan (Saiteninstrumente) · Ludwig Seuss (Klavier) · Otto Staniloi (Bläser) · Andreas Keller (Schlagzeug) · Dieter Radig (Schlagzeug) |