150 Meter Schlange am Eingang. Ich bin spät dran, und das Konzert ist ausverkauft. Lauter lächelnde Leute, die meisten zwischen 50 und 70. Dazwischen einige Jugendliche. Ich frage sie, seit wann sie Europe kennen, und höre unisono dieselbe Antwort: von den Eltern infiziert. Das nenne ich gute Erziehung!
Mehrgenerationenkonzert? Nein. Das ist die «Back to the Future»-Generation, Menschen, denen es genau gleich geht wie mir. T-Shirts lange vergangener Tourneen sehe ich auf den ersten Blick keine, die Hardcore-Fans sind wohl schon drin. Hier geht es ums Entdecken und Wiederentdecken.
Es geht rasch vorwärts, die Sicherheitskontrollen sind eher symbolischer Natur. Die 150 Meter Schlange dauern weniger als 10 Minuten.
Rein ins Volkshaus Zürich. Es ist einer der wenigen Säle, die ich kenne, in denen man sich bei Konzerten oft frei zwischen Tribünensitzplatz und Stehplatz bewegen kann. Oben: gute Übersicht und gemütlich. Unten: nahe dran und Abgehen. Ich bin immer unten.
Als «The Final Countdown» 1986 herauskam und einschlug, war ich 19. Der Song lief in jeder Disko, immer wieder, und niemand hatte genug davon. Bei «Carrie» lagen sich die Paare in den Armen. Im Januar 1987 stand ich im Hallenstadion, mitten in dieser Welle, jung und laut und unendlich lebendig.
Ich habe Europe seither oft gesehen, und doch klopft mein Herz auch heute Abend wieder. Es geht zurück in diesen Januar 1987. Die Zeitkapsel öffnet sich.
The Damn Truth.
Um 19:30 gehört die Bühne The Damn Truth. Die Band aus Montreal ist die ganze Tour dabei. Sie spielt kraftvollen, mitreissenden Rock. Der Sound ist tragend, Power-Vocals und Gitarrenriffs treffen auf Blues-Passagen. Der Look erinnert sehr an die Siebziger, ein bunter Farbenzauber: Blumenhemd, gestreifte Hose, gewaltige Mähne.
Spielfreude und Energie sind top, die Strukturen interessant. Ich denke mir: «Alle Zutaten sind da, sie sind exzellent, aber sie bräuchten einen Producer, der ihnen hilft, daraus einen Hit zu machen.» Ich werde sie im Auge behalten.

Europe
Um 20:20 wird es dunkel. Europe! Das Schlagzeug beginnt, und der Puls im Saal steigt mit jedem Schlag. Dann ergreift Joey Tempest das Mikrofon, und «Grüezi Zürich» schallt durch den Saal. Mehr braucht es nicht, und er hat uns.
Er ist ein unglaublicher Showman. Er lehnt sich weit vor, hält die Hand ans Ohr und lässt uns singen, breitet die Arme aus und strahlt dabei. Er geniesst jede Sekunde, das ist keine Routine, das ist Liebe. Liebe zur Show, Liebe zum Publikum. Die Bühne ist sein Leben.
Tempest dominiert. Das ist nicht negativ gemeint, er reisst mit. Immer wieder zeigt er, dass die Band zusammengehört, es kommt aus einem Guss, und doch schlägt er die Brücke zum Publikum. Einmal geht er zum Bassisten, nimmt einige Plektren weg, die dieser vorbereitet hatte, neigt sich herab und verteilt sie in der ersten Reihe. Beide lachen, man amüsiert sich.
Ganz vorne erkennt er Gesichter und grüsst sie, und trotzdem sitzt jeder Einsatz. Zwei-, dreimal sprintet er zum Mikrofon zurück, auf den Punkt genau. Multitasking, denke ich mir.
«Prisoners in Paradise» ist eines meiner Highlights des Abends. Hier darf Tempest zeigen, was seine Stimme noch kann, und es ist viel. Sie klingt voller Emotion, mitreissend und kein bisschen müde. Nach vierzig Jahren.
Ich liebe «Danger on the Track». In der Zeitkapsel öffnet sich eine zweite: die der Band. Wir werden zurückversetzt in ihren Proberaum aus der Anfangszeit, Matratzen auf den Screens … Tempest meint, die Schallisolierung sei ganz gut gewesen.
Die Roadies, bei denen er sich zuvor bedankt hat, werden integraler Bestandteil der Bühne. Das Drumkit wird bei laufendem Betrieb gewechselt, ein Flightcase wird auf die Bühne geschoben, Tempest gibt vor, von einem Blatt den Text abzulesen und in einem Magazin zu stöbern. Man spürt, wie eng Roadies und Musiker zusammengehören, wie viel Liebe sie verbindet.
Eine Lieferung kommt an: ein Pizzakarton, das Flightcase wird zum Tisch. Tempest schnappt sich ein Stück Pizza und isst es in vollem Ernst, bevor er einen Schluck Wasser und das Mikrofon nimmt und erneut ansetzt.
Wie gut er die erste Reihe kennt und wie gut diese Fans die Show kennen, merke ich, als er jemanden ganz vorne fragt: «Where are you from?» Die Antwort lautet «Sapporo». Tempest greift das auf, ruft «Ninja» ins Publikum und setzt zu diesem Song an.
Dann «The Final Countdown». Ich erinnere mich: Damals im Hallenstadion sprang alles. Die ersten zwei Reihen, die Hardcore-Fans, hüpfen auch heute mit wie vor 40 Jahren, und ich springe auch. Diejenigen, die nicht hüpfen, feiern mit Gänsehaut. Der Saal singt jede Zeile mit, als wäre der Song nie weg gewesen.
Für drei Minuten bin ich wieder vollständig in diesem Januar 1987. Jung, alles noch vor mir. Es ist triumphierend. Eine Zugabe gibt es nicht, und das ist selbstverständlich: Nach diesem Song kann nichts mehr kommen.
Und doch kommt noch eine wichtige Sache: Bevor Tempest geht, ruft er in den Saal «See you soon». Das ist kein Abschied. Sie werden zurückkommen!
Bevor ich nach Hause gehe, schaue ich noch schnell in der ersten Reihe vorbei und gehe auf die Leute zu, die abgegangen sind und jedes Wort mitgesungen haben. Wie oft sie schon Europe gesehen hätten? «40, 50 Mal.» Und ja, sie fahren bei dieser Tour von Konzert zu Konzert. Das Glück darüber sieht man ihnen ganz klar im Gesicht an.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof laufen «Carrie» und «The Final Countdown» in Endlosschlaufe im Kopf. Ich bin zurück in der Disko. Doch bevor ich wieder in die Gegenwart zurückfliege, muss ich erneut wie vor 40 Jahren an Falco denken.
Sein drittes Album «Falco 3» kam 1985 auf den Markt, und «Rock Me Amadeus» war 1986 drei Wochen lang Nummer eins der US-Charts, gefolgt von «Jeanny». Die Last, dass er das wahrscheinlich nicht mehr übertreffen konnte, erdrückte ihn förmlich.
Als ein Jahr später «The Final Countdown», ebenfalls das dritte Album, alles überstrahlte, stellte ich mir damals die Frage, ob die Band das meistern kann. Und heute Abend habe ich gesehen, was mich schon damals beeindruckte: Die Band hat daraus keine Last gemacht, sondern ein Fest. Vierzig Jahre später spielt sie den Song mit einem Lächeln, mit Dankbarkeit in jeder Geste, und auch all die anderen Songs aus ihrer ganzen Schaffenszeit sind immer noch phänomenal.
Wer sie noch sehen will: Die Tour ist bald vorbei. Weiter geht’s am 16.10. in Stuttgart (Liederhalle), am 17.10. in Wien (Gasometer) und am 19.10. in Berlin (Admiralspalast). Danach folgen noch Stockholm (24.10.) und Oslo (26.10.).
| Titel | Europe – The Final Countdown 40th Anniversary Tour |
| Datum | 13. Oktober 2026 |
| Ort | Volkshaus Zürich |
| Besetzung | Joey Tempest (Gesang, Gitarre) · John Norum (Gitarre) · John Levén (Bass) · Mic Michaeli (Keyboards) · Ian Haugland (Schlagzeug) | Special Guest: The Damn Truth |








