Sie steht allein auf der Bühne. Schüchterne Blicke ins Publikum, ein Schmunzeln, dann beginnt sie — Saxophon solo, improvisiert, ohne Netz. Gwilym Simcock hat sich in den Gängen der Martinskirche verloren. Irgendwo zwischen Garderobe und Flügel. Emma Rawicz spielt weiter, als wäre das geplant gewesen, wirft aber trotzdem immer wieder Blicke zur Seite, um ihn zu suchen. Als er endlich eintrifft und einstimmt, ist die Verbindung sofort da.
Das Duo hat etwas Besonderes — zwei Musiker aus verschiedenen Generationen, die dieselbe musikalische Sprache sprechen. Und das hört man. Rawicz, Anfang zwanzig, lässt das Saxofon singen. Groovy, federleicht, virtuos. Ich stehe auf, phasenweise möchte ich mittanzen. Aber ich trau mich nicht, ist ja eine Kirche und ich will den Tönen konzentriert lauschen. Simcock, zwanzig Jahre älter hält dagegen — treibt, stützt, überrascht.
Das Stevie Wonder Cover — «Visions», eröffnet von Simcocks herrlichen Harmonien — war wunderschön. Einer dieser Momente, in denen der Raum etwas kleiner zu werden scheint.
Es ist von Stück zu Stück immer wieder begeisternd, wie sich aus einem fliessenden Einstieg ein dynamischer, mitreissender Groove entwickelt.
Einer der Höhepunkte ist zweifelsohne der Titelsong des aktuellen Albums „Big Visit“ — der sich herausstellt, auf der Platte gar nicht zu existieren. Ein Stück, das den Cut nicht geschafft hat. Frenetischer Applaus nach dessen Darbietung. Rawicz sagt: «It needs a lot of air — and my cardio goes wild». Das unglaublichste Stück des Abends schreit förmlich nach einem Teil 2 des Albums.
Ausserordentlich gefallen hat mir auch «Optimum Friction» — ein intensiv rhythmisches Stück, in dem der Pianist versucht, gleichzeitig die gesamte Rhythmussektion zu sein. Zunehmend rasend. Zunehmend entfesselt. Der Titel beschreibt eigentlich das ganze Duo-Projekt — den Funken, den diese zwei miteinander erzünden.
Ein rasend schnell aufgehender Stern, vielleicht die Saxophonistin der Zukunft. Heute Abend war Gegenwart. Und die war stark. Extrem stark.
Danke dem Offbeat-Team für diese Entdeckung.
| Titel | Emma Rawicz & Gwilym Simcock |
| Datum | 10. Mai 2026 |
| Festival | 36. Jazzfestival Basel |
| Ort | Martinskirche Basel |
| Besetzung | Emma Rawicz (Tenor- & Sopransaxophon) · Gwilym Simcock (Klavier) |