Jazz

Cyrille Aimée Quartet: Brel bleibt — aber die Tür ist offen

Das Museum Tinguely ist kein neutraler Konzertraum. Kinetische Skulpturen im Halbdunkel, Zahnräder, Riemen, Klangmaschinen. Man spürt die Stimmung eines Ortes, der Kunst nicht ausstellt, sondern lebt — Rahmen und Resonanzkörper zugleich. Lange hatte man auf diesen Abend gewartet. Das Konzert war verschoben worden — Cyrille Aimée erwartete ein Kind. Jetzt war sie da. Und das Kind auch: kurz, am Anfang, im Saal — und durfte seine Mutter bewundern.

Was diese Frau mit ihrer Stimme anstellt, entzieht sich den üblichen Kategorien. Karibisches Flair und Rhythmus, gemischt mit dem Swing der französischen Tradition, imprägniert von der reichen Jazzwelt des Big Apple — und einer Ausdrucksstärke, die einen nicht loslässt. Die Juxtaposition dieser Elemente mit beeindruckend ruhigen Passagen ist schlicht ergreifend. Improvisation als Lebenshaltung, nicht als Technik.

Drei Momente werden mir lange im Gedächtnis bleiben. Erstens: «Ne me quitte pas». Jacques Brel hat dieses Lied für die Ewigkeit geschrieben — daran ändert sich nichts. Aber Aimée hat eine neue Tür aufgestossen: karibische Wärme, gebrochenes Herz, tänzerische Leichtigkeit — eine Interpretation, die nicht konkurriert, sondern ein völlig eigenes Werk erschafft. Das Original bleibt Monument. Was Aimée daraus gemacht hat, auch.

Zweitens: der Scat. Er beginnt fast unmerklich, wächst langsam in Silben hinein, baut sich stetig auf und reisst mit — und immer schwingt diese karibische Wärme mit. Virtuosität, die wärmt.

Drittens: «La vie en rose» als Zugabe — phänomenal, mitreissend, ein Abschied, der nachhallt.

Doch sie war nicht allein auf der Bühne. Carl Henri Morisset am Klavier begleitete brillant — nie aufdringlich, immer präsent, sein Solo von Intelligenz und Differenziertheit geprägt. Pedro Segundo am Schlagzeug erwies sich als wahrer Könner seines Fachs: er streichelte die Instrumente, wo Streicheln gefragt war, setzte Perkussion gekonnt ein und trieb an, wo Feuer nötig war. Matteo Bortone am Bass hielt sich im Hintergrund. Aber dieser Hintergrund trug den ganzen Abend.

Zwischendurch — fast beiläufig erzählt — ein Detail: Aimée ist in Samois-sur-Seine aufgewachsen, keine zwölf Kilometer vom Bois des Pauvres bei Milly-la-Forêt, wo Le Cyclop — das monumentale Gemeinschaftswerk von Tinguely und Niki de Saint Phalle — mitten im Wald auftaucht. Diese Welt kannte sie von Kindheit an. Sie fühlte sich tief geehrt, an einem derartigen Ort, welcher eine Referenz auf ihre Kindheit darstellte, auftreten zu dürfen.

Heimkehr, Neuanfang, Meisterwerk. Alles an einem Montagabend in Basel.

Konzertdaten
TitelCyrille Aimée Quartet
Datum11. Mai 2026
Festival36. Jazzfestival Basel
OrtMuseum Tinguely, Basel
BesetzungCyrille Aimée (Gesang) · Carl Henri Morisset (Klavier) · Matteo Bortone (Bass) · Pedro Segundo (Schlagzeug)

Wertung
Cyrille Aimée
★★★★★
Carl Henri Morisset
★★★★★
Matteo Bortone
★★★★☆
Pedro Segundo
★★★★★
Kreativität
★★★★★
Gesamt
★★★★★