Wer heute Abend nicht im Atlantis war, wird es erfahren. Von jemandem, der dabei war. Und dann wird es wehtun.
«Wollt ihr richtig guten Flamenco-Jazz?» — es kommt als Schlachtruf von der Bühne. Dann fängt es so an: Daniel Garcia singt die ersten Noten — allein, in die Stille hinein. Und dann stimmen Piano und Bass ein. Kein Anlauf, kein Zögern. Einfach da.
Schon beim ersten Stück war klar, wohin die Reise geht. Caminero und Sánchez blickten sich an — strahlend, wie zwei Kinder die gerade ein Spiel erfunden haben. Und dann steigerten sie das Tempo, immer weiter, als ob keiner der Erste sein wollte, der aufhört. Und wenn seine Stimme uns durchdringt, ist plötzlich alles Ernst. Dieser leidende, schmachtende Flamenco-Cante — so weit weg von der Verspieltheit der anderen beiden. Aber die Kinder blitzen immer wieder auf, ein Blick, ein Grinsen, ein Tempo das anzieht — und genau darin liegt die Magie. Zwischen dem Spiel und dem Schmerz entsteht eine Spannung, die den Atem anhält.
Hinterher meint Caminero lachend, das sei ein ruhiges Stück zum Einstieg gewesen.
Er spricht detailreiches Deutsch — mit leichtem spanischen Akzent, der Absicht sei, denn es ist ja Flamenco-Abend, meint er mit rhetorischem Augenzwinkern. Der zweite Satz, und zum zweiten Mal lacht der ganze Saal. Man realisiert sofort: heute Abend wird es nicht nur musikalischen Spass geben. Er zeigt auf seinen Sänger — Stimme und Gestik deuten an, dass dieser versuchen wird, ernst zu sein: «Flamenco. Flamenco. Flamenco.» Pause. «Wir versuchen ihm zu folgen.» Daniel Garcia kämpft tapfer — er will den Flamenco-Ernst bewahren, die Würde des Cante. Aber Caminero lässt ihm keine Chance. Immer wieder ein Blick, ein Timing, eine Bemerkung — und das Lachen bricht durch, ob Garcia will oder nicht. Das Atlantis schmunzelt, kichert, bricht aus. «Ich darf das», meint Caminero dann augenzwinkernd, «ich bin der Boss.»
Paco de Lucía ist den ganzen Abend präsent — in den Melodien, in der Haltung, im Feuer. Caminero zitiert ihn immer wieder, mit echter Ehrerbietung. Und dann, mit einem Lächeln das man hören kann: «Auch ein begabter Komponist.» Das Publikum lacht — und weiss genau, was gemeint ist. Das Piano, erklärt er, sei bei ihnen die Gitarre. Moisés P. Sánchez nimmt das schmunzelnd an — und beweist es Stück für Stück.
Was den Abend aber besonders macht: die Freude auf der Bühne. Alle vier spielen miteinander, nicht nebeneinander. Die Dynamik atmet, zieht sich zusammen, explodiert. Und immer wieder dieser Witz — ein Blick hier, ein Lächeln dort, ein Timing das sitzt.
Langsam beschleicht mich das Gefühl, ich vergebe Sterne wie Konfetti. Aber was das Offbeat diesem Jahr auf die Bühne stellt, lässt mir schlicht keine Wahl. Dem Offbeat sei gedankt. Wer diesen Abend verpasst hat, hat Flamenco im Atlantis verpasst — und das ist schwer zu ersetzen.
Paco de Lucía hätte es geliebt und sicher auch gelacht.
| Titel | Pablo Martín Caminero Quartet feat. Daniel Garcia – «Flamenco Night» |
| Datum | 18. Mai 2026 |
| Festival | 36. Offbeat Jazzfestival Basel |
| Ort | Atlantis Basel, 20:30 Uhr |
| Besetzung | Pablo Martín Caminero (Kontrabass, Bandleader) · Moisés P. Sánchez (Piano) · Daniel Garcia (Gesang/Flamenco) · Borja Barrueta (Schlagzeug) |