Der Abend begann ohne ein einziges Wort. Antonio Faraò betrat die Bühne mit Sonnenbrille, setzte sich ans Piano — und war weg. Nicht ganz, nicht immer — aber meistens in sich.
Was folgte, war technisch schlicht unfassbar. Faraò deutet eine eingängige Melodie an — man beginnt, sich einzurichten — und dann zieht die linke Hand den Faden weiter, ruhig, fast hypnotisch, während die rechte ausbricht. Nicht ausbricht: explodiert. Komplexe Strukturen entstehen, breiten sich aus, fraktalgleich — eine Konsequenz der anderen, keine aufhörend, bevor die nächste schon da ist. Das Gefühl: Zerrissenheit und Unvorhersehbarkeit gleichzeitig. Als würde man zwei Welten zuhören, die einander nicht kennen und sich trotzdem tragen.
Die Unnahbarkeit — selten ein Blick ins Publikum, kein Wort — passt dazu. Nicht Arroganz. Eher Konzentration, die nach innen gerichtet bleibt. Als wäre der Raum für ihn zweitrangig.
Ein Konzertbesucher meinte nach dem Konzert trocken: «Wenn Humanoide mal Klavier spielen — dann tönt das so. Technisch brilliant, aber ohne Kontakt.» Aber er ergänzte auch, dass man beim Offbeat auf ausserordentlich hohem Niveau kritisiere und deutete damit an, dass dies kein Vorwurf ist, sondern eher ein Kompliment ans Festival.
Ich musste lachen, der Spruch war prägnant. Aber ich gebe ihm nicht Recht. Was Faraò macht, ist zu riskant, zu unberechenbar, zu menschlich-zerrissen für Maschinen.
Und doch, Antonio Faraò sprach ein Wort an diesem Abend: „Urs“. Nachdem er ihn in den Arm genommen hatte und nochmals zur Verneigung zur Bühne zurückkehrte zeigte er zu Urs Blindenbacher und stellte ihn mit einem breiten Lachen im Gesicht vor. Ein Lachen, das alles reflektierte: wie er empfangen wurde, wie er sich gefühlt haben muss. Drei Buchstaben.
Die Dichte der Gedanken pro Buchstabe ist nicht zu übertreffen. Die Komplexität und Dichte seiner Stücke auch nicht – und dies gepaart mit einer technischen Brillianz, die seinesgleichen sucht.
Danke dem Offbeat-Team für diesen Abend.
| Titel | Antonio Faraò solo piano |
| Datum | 10. Mai 2026 |
| Festival | 36. Jazzfestival Basel |
| Ort | Martinskirche Basel |
| Besetzung | Antonio Faraò (Klavier) |