Am Samstag, 25.07., waren es wieder 15 Konzerte, 12 davon vollständig gehört: Das Lumpenpack, Trinkhallen Allstars, The Molotovs, Grade 2, The Baboon Show, Focus., The Stranglers, UK Subs, New Model Army, Swiss und die Andern, Oxo86 und Dropkick Murphys. A Wilhelm Scream habe ich ein paar Songs lang gehört, bei Disarstar nur eine Minute im Vorbeigehen reingehört — ich hatte keine Lust auf Rap. Anda Morts habe ich komplett verpasst.
Der Tag beginnt mit einem Geschenk, das ich so nicht erwartet hatte: Das Lumpenpack ist die erste Band des Tages und hat deshalb Zeit für einen ausführlichen Soundcheck direkt vor dem Set — den sie kurzerhand zu einem eigenen kleinen Vorkonzert ausbauen, eine Viertelstunde vor der eigentlichen Startzeit. Quasi ein Amuse-Gueule vor dem Hauptgang, nur mit E-Gitarren statt Silberbesteck. Phänomenal, wie dann ein Hit auf den nächsten folgt und pure gute Laune verbreitet, die Stimmung ist von der ersten Minute an ausgezeichnet, und ich merke, wie schnell die Müdigkeit vom Vortag verfliegt. Einen besseren Auftakt hätte ich mir für diesen Festivaltag nicht wünschen können.

Trinkhallen Allstars, das Schlager-Nebenprojekt von Betontod, sorgen für den ersten grossen Aha-Moment des Tages, einen, der mir noch lange im Kopf bleiben wird: Nie hätte ich gedacht, dass ich einen Pogo mit mitsingender Menge zu Udo Jürgens‘ „Ich war noch niemals in New York“ erlebe — der Trinkhallen-Kiosk-Charme trifft auf Punkrock-Attitüde, und beide vertragen sich blendend. Genau das passiert hier, und ich sehe nur strahlende Gesichter um mich herum — dieses absurde, wunderschöne Bild lässt mich noch lange nach dem letzten Ton lächeln. Natürlich jubelt das Publikum besonders, als sie mit Betontod-Songs quasi sich selbst covern. Ein Projekt, dem ich von Herzen hoffe, dass es weiterlebt.

The Molotovs legen pure Energie nach — ab der ersten Minute geht es los, kein Aufwärmen, kein Warten, gleich der volle Cocktail. Die zentrale Bühnenpräsenz kommt nicht wie so oft vom Sänger, sondern von der Bassistin: eine Löwin, die jederzeit zubeissen will, ihre Mähne fliegt bei jedem Riff, und ihre Energie reisst die ganze Bühne mit. Die drei jungen Künstler verbreiten pure Energie und reissen das Publikum mit. Eine Band, die ich weiter auf dem Radar behalten werde.



Grade 2 krachen für mich am lautesten bei ihrem Ramones-Cover „Do You Wanna Dance“ — ich tanze viel mit und lasse dabei einiges an Energie, ohne im Moment daran zu denken, dass ich sie später noch brauchen werde. Zu viel, wie sich zeigt: Danach macht sich Müdigkeit und Schwindel bemerkbar, mein Körper fordert seinen Tribut, ich brauche eine Pause. Auf die Band habe ich mich besonders gefreut, denn ich habe sie schon einmal gesehen — als Vorgruppe von Die Toten Hosen, beim Konzert im Zürcher Stadion Letzigrund im Rahmen der „Trink aus! Wir müssen gehen“-Tour.

A Wilhelm Scream schaue ich ganz am Anfang ein paar Lieder lang zu, allerdings passiv, da sich ein ziemlich wilder Pit bildet — dann beschliesse ich, eine Pause zu machen. Hardcore ist in dem Moment ohnehin nicht das, wonach mir ist, und die Energie fehlt mir sowieso, so sehr ich mich auch dagegen wehre.

Diese Pause zieht sich bis zum Auftritt von Anda Morts hin, den ich komplett verpasse, weil ich lieber die Pause verlängere: ein Cola trinken, eine traumhafte Crêpe mit Camembert und Preiselbeermarmelade essen, Kräfte sammeln, und rechtzeitig zur kommenden Baboon Show rüberwechseln.
Dann meine Rückkehr in vollem Umfang, mit neuer Kraft: The Baboon Show. Ein Riesenkracher, genau die Art von Moment, für die ich so gerne aufs Festival gehe — und zwar genau aus solchen Gründen. Sängerin Cecilia Boström zeigt ab der ersten Note, was Sache ist, klettert sofort auf die Bühnenabsperrung — und springt beim zweiten Song ganz ohne Ankündigung ins Publikum, singt den Rest crowdsurfend, als wäre das das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt. Keine Sekunde Ruhe, das Publikum dreht komplett durch, ich mit ihm. Einmal stellt sie sich mitten in einen Pit, fragt nach einem Circle Pit — durch ein Missverständnis wird daraus ein Mosh Pit, sie klettert trotzdem wieder hoch und stürzt sich erneut in die Menge, ganz nach dem Pavianhorden-Motto der Band: laut, wild, unaufhaltsam. Ständig vorne an der Absperrung, peitscht sie alles an. Extrem gute Musik dazu. Für mich ein grosser Höhepunkt des Tages, einer von der Sorte, die ich später Freunden erzähle — Baboon Show wird ab sofort eine jener Bands, die ich ganz eng beobachten werde.



Focus. auf der kleinen Rodeo Stage liefert für mich einen fantastischen Auftritt hinterher, direkt im Anschluss an diesen emotionalen Höhepunkt, und schafft es trotzdem, den Fokus komplett auf sich zu ziehen. Bei „Für immer einundzwanzig“ fühle ich mich direkt angesprochen — genau mein eigenes Lebensgefühl, in Songform, und für einen Moment ist es, als würde die Band direkt mit mir sprechen. Die Band bindet das Publikum mit mehreren Aktionen ein. Und eine grundsätzliche Erkenntnis reift an diesem Nachmittag in mir: Die kleinere Bühne hat für mich die deutlich angenehmere Stimmung als die Hauptbühne — näher, ehrlicher, persönlicher.


The Stranglers bremsen das Tempo — ein ruhigeres Set, dominiert von den poppigeren Songs aus ihrer Karriere, ein Gang runter vom fünften in den dritten. Nach den sehr schnellen Shows von Baboon Show und Focus. davor kommt mir das gerade recht, eine kleine Tanzpause, ein Durchatmen, bevor es weitergeht. Nelli gesellt sich aus dem Publikum zu mir, wir wechseln ein paar Worte.

UK Subs — schon im Vorfeld des Festivals habe ich mich extrem auf diesen Auftritt gefreut, und die Band holt sich meine Energie zurück, mit voller Wucht. Grosse Hits, ich tanze viel, geniesse den gesamten Auftritt mit einer Hingabe, die mich selbst überrascht. Am Ende wirft der Drummer sein Drumstick ins Publikum — sichtlich zerfetzt von der Wucht, mit der er sein Spielgerät die ganze Zeit über bearbeitet hat. Eine junge Frau fängt ihn, und nachdem ich sie darum gebeten habe, schenkt sie mir das Drumstick — weil sie gesehen hat, wie sehr ich die Band gerade abgefeiert habe. In diesem Moment fühlt sich das Ding in meiner Hand an wie das Wertvollste auf der ganzen Welt, ich drehe vor Freude fast durch. Damit es den Rest des Tages heil übersteht, nehmen René und Nelli es für mich mit und verstauen es sicher in ihrem Wohnmobil — zurückbekomme ich es bei meinem Besuch in Bremen. Eine kleine, warmherzige Begegnung, wertvoller als jedes Bandshirt.

New Model Army spielen ihre bekannten Songs, bei Hits wie „51st State“ singe ich mit dem Publikum lautstark mit. Ein Auftritt mit wenig Spontanität, quasi ein exzellenter Standard-Auftritt — aber dadurch ist die Interaktion mit dem Publikum geringer. Nach dem Ausnahmeauftritt von UK Subs wirkt es für mich zunächst etwas ruhiger — fast ein bisschen ernüchternd nach so viel Euphorie.

Disarstar läuft bei mir nur etwa 30 Sekunden im Hintergrund mit — ich habe schlicht keine Lust auf Rap in diesem Moment. Ich lege stattdessen bewusst eine Pause ein und spüre, wie gut mir diese kurze Ruhe tut.
Swiss und die Andern liefern einen mitreissenden Auftritt, der mich von der ersten Sekunde an fesselt — Neutralität war gestern. Ich stehe mitten in einem grossen Pit voller tanzender Menschen, die Stimmung ist sehr gut, und ich lasse mich komplett davon mitreissen, gebe mich diesem kollektiven Rausch völlig hin.

Bei Oxo86 auf der kleinen Bühne treffe ich auf ein Publikum, das ganz offensichtlich extra für die Band da ist, eine Verbundenheit, die ich sofort spüre. Sänger Willi surft mit einem Schlauchboot quer über die Menge — Käpt’n Willi auf hoher Menschensee, ein herrlich absurdes Bild. Die Stimmung ist ausgezeichnet, trotz der schieren Masse an Festivalbesuchern, die um diese Uhrzeit noch vor Ort sind, bleibt genug Platz zum Tanzen, weil der erste Wellenbrecher klein bleibt und kein Druck von hinten entsteht.

Und dann der Headliner, auf den ich sehnsüchtig gewartet habe: Dropkick Murphys. Absoluter Wahnsinn — wahrscheinlich der beste Dropkick-Murphys-Auftritt, den ich je gesehen habe, und ich habe schon einige gesehen. Schon beim Opener singe ich mit dem gesamten, gut zehntausend Köpfe zählenden Block lautstark mit, und ein Schauer läuft mir über den Rücken, als ich merke, wie viele Menschen im selben Moment dasselbe fühlen wie ich. Ken Casey peitscht die Show von vorne an der Absperrung an, sensationelle Stimmung, durchgehend positive Energie — ein Dudelsack-Donnerwetter, das keine Gnade kennt und auch keine braucht.
Ein kurzer Wermutstropfen am Rande: Bei „Rose Tattoo“ — einem meiner Lieblingssongs — verordnet Ken Casey einen reinen Frauen-Pit, was mich als Mann kurz aussen vor lässt. Eine thematische Teilung (etwa ein separater Hardcore-Pit) fände ich sinnvoll, eine Verhaltens-Projektion auf ein ganzes Geschlecht und die Negierung der LGBTQIA+-Thematik, die sich gerade beim anwesenden Publikum eigentlich schon sehr verankert haben sollte, dagegen weniger — auch wenn spürbar viele Frauen diesen Moment sichtlich genossen haben. Ich freue mich schon auf Blackpool, wo ich letztes Jahr bei jedem Konzert „just dance and have fun“-Pits erleben durfte — welche erstens nicht verordnet und zweitens auch gemischt waren. Aber ich geniesse den Moment, diese Gedanken habe ich vor allem nach dem absolut herrlichen Konzert. So endet ein absolut phantastischer Tag mit Udo Jürgens im Pit, einer wilden Raubkatze am Bass, bleibenden Erinnerungen an einen UK-Subs-Auftritt und dem bisher besten Dropkick-Murphys-Konzert.
