15 Konzerte standen an, 13 davon habe ich gehört: Schmutzki (Überraschungsgig am Zeltplatz), Dead End Kids, Rodeo 5000, Split Dogs, Blood Command, Los Fastidios, The Dickies, Biohazard, Schmutzki (offizieller Slot), Reverend Hardy Hardon, Turbonegro, Napalm Death und Feine Sahne Fischfilet. Nur aus der Distanz mitbekommen habe ich Doctor Krapula und Mehnersmoos.
Schmutzki hatten es selbst auf Social Media angekündigt, ich erfahre davon über einen WhatsApp-Verteiler — die Info macht die Runde. Gemeinsam mit Lorenzo und Céline, mit denen ich hingekommen bin, fragen wir uns voller Vorfreude: wo genau wird es sein? Dann kommt die Band mit einem kleinen Wägelchen, Drums obendrauf — die wohl kleinste Bühne, die ein Punkrock-Konzert tragen kann — und postiert sich auf dem Vorplatz des Zeltplatz-Eingangs, unweit vom Bändchentausch. Der Ruhrpott-Rodeo-Freitag ist eröffnet, bevor die erste offizielle Band überhaupt ihr erstes Riff gespielt hat: Vorglühen im wahrsten Sinne, nur dass hier niemand trinkt, sondern tanzt.
Super Stimmung, sofort. Aber das Publikum hält Abstand — steht im Kreis, schaut zu, niemand traut sich, wie eine Horde Schulkinder vor dem ersten Sprung ins kalte Wasser. Und da überkommt es mich, dieses vertraute Kribbeln, das ich von unzähligen Konzerten kenne und das mich nie loslässt: Ich starte den ersten Circle Pit des Festivals. Im Kreis laufend sehen René und Nelli mich, und zu dritt reissen wir den ersten Mosh Pit des Wochenendes los — vor dem Zeltplatz, noch vor dem Einlass. „Zeltplatz Baby“ und „Rodeo“ werden gespielt, thematisch könnte es kaum besser passen — und als die Band „Krass gut“ anstimmt, brüllt die Menge zurück, was offiziell erst Stunden später Tausende tun werden: Wer ist Schmutzki? Wir sind Schmutzki. Ich habe Gänsehaut, mitten am helllichten Nachmittag, lange bevor irgendein Scheinwerfer angeht.


The Dead End Kids — eine junge Nachwuchsband, rebellisch im Auftreten, aber musikalisch noch nicht ganz ausgereift. Man merkt das Potenzial, aber auch, dass sie noch am Anfang ihres Weges stehen.

Rodeo 5000 eröffnet offiziell die Ruhrpott Stage — und ist eine völlig neue Entdeckung für mich, von der ersten Sekunde an ein kleines Geschenk. Country-Punk, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn brauche: zwei Welten, die im selben Takt treten. Variantenreich, mit spürbarem Witz, ohne dabei die Energie eines Festival-Openers zu verlieren. Genau diese Momente sind es, für die ich auf Festivals gehe — Bands, die ich vorher nie auf dem Schirm hatte und die mich dann komplett für sich einnehmen.

Split Dogs auf der Rodeo Stage legen nach — Wahnsinnspower, High-Speed-Punk’n’Roll aus Bristol, bei dem ich durchtanze statt zuzusehen. Der Körper reagiert schneller als der Kopf, das ist bei guter Musik immer so; die Hunde sind los, und ich renne mit.

Dann Blood Command. Was für ein Auftakt in den späten Nachmittag, was für ein Schub — der Name ist Programm, hier wird tatsächlich Blut in Wallung gebracht. Die norwegische Sängerin kennt keine Berührungsangst — sie singt crowdsurfend und peitscht das Publukum an. Unglaubliche Energie, die von der ersten Sekunde an alle mitreisst, mich eingeschlossen, bis ich am Ende völlig durchgeschwitzt und glücklich dastehe.

Nach so viel Pit braucht der Körper eine Pause. Doctor Krapula sehe ich nur noch aus der Distanz, zwischen Essen und Sitzenbleiben — sah gut aus, mehr kann ich ehrlich nicht sagen, und das tut mir fast ein bisschen leid.

Los Fastidios war einer der Namen, auf die ich hingefiebert habe, seit ich das Line-Up zum ersten Mal gesehen habe. Leider zickt der Sound in den ersten fünf Minuten, Sängerin Elisa Dixan ist kaum zu hören, bis die Technik endlich teilweise nachzieht — perfekt wird es bis zum Ende nicht. Ein Leckerbissen für alle Ska-Fans trotzdem, und spätestens bei „Antifa Hooligans“ geht die Post ab — die Freude überwiegt und schluckt den Ärger klaglos.

The Dickies liefern solide, aber statische Bühnenpräsenz. Der Sänger zelebriert Arroganz in Reinform und stellt seinen Gitarristen als „Mr. Who Gives a Fuck“ vor. Das Konzert selbst: geliebt. Die Attitüde: gehasst.

Biohazard kannte ich vorher nicht — und das ändert sich hier grundlegend, geradezu schlagartig, ein musikalischer Betriebsunfall im besten Sinne. Eine Macht. Packend ab Sekunde eins, Mega-Pit, der Bassist crowdsurft durchs Publikum, und mich fasziniert dieser Liveauftritt komplett. Biohazard landet auf meiner Liste der Bands, die ich ab jetzt verfolge.



Dann Schmutzki, zum zweiten Mal an diesem Tag, diesmal offiziell auf der Rodeo Stage — und ich merke, wie sich in mir eine Vorfreude aufbaut, die kaum zu bändigen ist, ein Wiedersehen wie mit alten Freunden nach nur wenigen Stunden Trennung. Voll, super Stimmung, ein schöner Pit. Der Sänger stellt sich rein und gibt persönlich den Einsatz, der alle in die Mitte rennen lässt — und das Publikum singt jeden Song mit, textsicher bis zum letzten Wort. Es ist berührend, wie viele Menschen hier dieselben Zeilen im selben Moment schreien, ein Chor ohne Probe, aber mit perfektem Timing. Nur vierzig Minuten, leider viel zu kurz.

Mehnersmoos bekommt dreissig Sekunden meiner Aufmerksamkeit aus der Distanz — Text und Sound schlicht Müll. Zeit für eine echte Pause, essen, trinken, Kräfte sammeln für die Nacht, die noch vor mir liegt.
Und dann die Überraschung des Tages, die mich völlig unvorbereitet trifft: Reverend Hardy Hardon. Eine Show im Stil „James Brown trifft auf Elvis“ — genau so absurd und genau so grossartig, wie sich das anhört, eine Predigt mit Hüftschwung — ein Act, von dem ich vorher nichts erwartet hatte und der mich am Ende mit einem breiten Grinsen zurücklässt.

Turbonegro — im Vorfeld des Festivals hatte ich keine Zeit, gross reinzuhören, der Name klang für mich lange komisch. Trotzdem hatte ich schon mal von der Band gehört und war voller Erwartung, was dieses Konzert bringen möge. Super Sound, unglaubliche Stimmung, die erste Wall of Death des Tages, ein richtig guter Pit — jede Skepsis ist spätestens nach dem ersten Song komplett verflogen, weggeschossen wie von einem Turbo.

Napalm Death toppt das nochmal, und das hätte ich nicht für möglich gehalten. Der Sänger sagt selbstironisch, was sie da tun, habe mit Musik nicht viel zu tun — ich bin komplett anderer Meinung und tanze wie verrückt, jede Faser in mir in Bewegung, als hätte der Bandname persönlich Rechnung bei mir offen. Keine Musik fürs Wohnzimmer, aber eine unglaubliche Live-Band, und ich spüre, wie mich diese Ehrlichkeit auf der Bühne noch mehr begeistert als perfekt einstudierte Professionalität.

Zum Abschluss Feine Sahne Fischfilet — sehnsüchtig erwartet, und ich bin offensichtlich nicht der Einzige, die Vorfreude im Publikum fast greifbar, bevor der erste Ton fällt. Unglaublich dicht, kurz bin ich im Pit, teilweise aggressive Stimmung. Die Angst um meine Rippen wird real, ein Gefühl, das sich in Sekundenbruchteilen von Euphorie in echte Sorge verwandelt — die feine Sahne wird hier stellenweise zur harten Nuss. Ich lasse mich nach hinten fallen und helfe von dort aus mehr als zehn Personen beim Flüchten über die Absperrung zur zweiten Welle — in diesem Moment zählt nur noch, dass alle sicher rauskommen. Dann fordert Sänger Monchi zum Crowdsurfen auf, es ist dunkel, immer wieder reissen Löcher im Publikum auf — brandgefährlich. Ich sehe Menschen fast stürzen, eine Person fällt zwei Meter neben mir und wird von jemandem zu den Sanitätern begleitet, und für einen Moment steht mir das Herz still. Danach gehe ich an einen Ort seitlich der Bühne. In dem Moment denke ich an einen kleinen Gig in Lindau zurück — nicht ruhiger als hier, aber ungefährlicher und familiärer. Ein Freitag, der mit Gänsehaut auf dem Zeltplatz beginnt und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch endet — und der mir trotzdem noch lange in positiver Erinnerung bleiben wird.
