Pop Punk Rock

Auf sie mit Gebrüll: Deine Cousine in Zürich

Erst ein Ei, dann fast ein Kreis, dann ein Moshpit, am Ende surft sie über die Menge

Kurz vor Mittag. Eine Mail. Zusage. Zum ersten Mal in meinem Leben darf ich mit einer Fotoakkreditierung an ein Konzert, und ich kann es kaum glauben. Es ist unfassbar, dass es geklappt hat! Den ganzen Nachmittag bin ich aufgedreht wie ein Kind vor Weihnachten: Mit meiner Spiegelreflex im Graben stehen, ganz vorne. Welch ein wunderschöner Tag! Ich lese mich noch schnell durch Tutorials, und es wird mir klar, wie wichtig eine Vorband sein wird, um den Fotoapparat richtig zu kalibrieren.

Beim Eingang dann der Schlag. Kein Zutritt zum Graben. Fotos während der ersten drei Songs von der linken Bühnenseite. Ich freue mich trotzdem riesig über die Chance, frage mich allerdings, was ich da mit meinem 17-50er-Objektiv wirklich machen kann. Wir sind nur zwei Fotografen, und ich komme mit der anderen Fotografin, Daniela, ins Gespräch. Sie wird innert Minuten zu meiner Mentorin und erklärt mir nicht nur, wo ich am Abend am besten stehen sollte: im Zuschauerraum, halblinks, ganz vorne. Sie erzählt mir auch noch, wie sie zu ihren Akkreditierungen kommt: Sie fotografiert für ein Magazin, das die Anfragen stellt. Etwas professioneller als mein Blog, denke ich mir und muss schmunzeln.

Ursprünglich war das Konzert im Dynamo geplant. Doch der Saal war schnell ausverkauft, also zieht der Abend ins viel grössere X-TRA um, und für die Sängerin Ina Bredehorn ist das in Zürich eine ganz neue Dimension. Man sieht es ihr an. Sie strahlt. Sie versprüht Freude, den ganzen Abend, in jeder Geste, in jedem Satz, und sagt mehrfach, wie überwältigt sie von diesem Tourstart ist. Diese Freude bleibt nicht auf der Bühne. Sie springt über, sie steckt an, sie rollt durch den Saal, kein Mensch kann sich ihr entziehen. Das Publikum ist gemischt. Ihre Teilnahme an «Sing meinen Song» hat ihren Bekanntheitsgrad in neue Höhen geschraubt. Zu Recht, wie sie beweisen wird.

Dann geht’s los, und … keine Vorband. Keine Kalibrierung. Deine Cousine legt direkt los. Und wie! Die Energie peitscht in den Saal, und ich merke sofort, dass ich hier im Overdrive-Modus bin: Einerseits volle Konzentration, um die richtige Pose zum richtigen Moment festzuhalten, andererseits ertappe ich mich immer wieder beim Mitsingen. Die Füsse müssen zum Fotografieren stillstehen, und ich zwinge mich dazu. Es ist herrlich, ein ganz anderes Gefühl mit einer richtigen Kamera … wobei sie im Vergleich zu Danielas Ausrüstung bestenfalls zum Schmunzeln ist …

Das Tourmotto ist genau gleich wie der erste Song: «Ich weiß wie dieser Abend endet». Doch es kommt noch mehr: Ina verrät es uns! Sie weiss, wo dieser Abend endet. Nach dem Konzert kann man sie in der Bar gegenüber treffen, im Eldorado.

Ich fotografiere praktisch nonstop mit voll offener Blende und maximalem Tele. Zwei Parameter weniger. Beim dritten Song singe ich laut den Refrain «Go Fuck Yourself» mit und fotografiere gleichzeitig. Es fühlt sich herrlich an. Drei Songs sind vorbei, ich verabschiede mich von Daniela, packe mein Material zusammen und lasse es in der ersten Reihe bei einer Frau, die mir verspricht, darauf aufzupassen.

Und nun geht’s ab, direkt ins Auge des Hurrikans. Der Mosh-Pit ruft, er zieht mich an. Kein Entkommen, aussichtslos. Zumindest für mich. Eigentlich habe ich mir fest vorgenommen, ruhig zu sein. Meine Blog-Leser kennen meine sommerlichen Verletzungsgeschichten. Aber schon beim Fotografieren war es schwierig, ruhig zu sein, und nun ist es unmöglich. Ich muss dieses Konzert mit jeder Faser meines Körpers spüren, uneingeschränkt und maximal.

Doch sie gibt nicht nur Vollgas ohne Bremse, sie schafft es auch, Themen humorvoll und indirekt anzusprechen. Eine seltene Gabe. Beispielsweise spricht sie zwischen zwei Songs die Fernsehstaffel an, in der sie mitgemacht hat. Viele sagen, jetzt sei sie Mainstream. Sie lächelt und kontert: Wenn das, wofür wir stehen, Mainstream wird, dann ist das doch eine gute Sache. Der Saal explodiert vor Jubel.

Sie geniesst jeden Moment – und hat es ganz offensichtlich schon im Vorfeld in vollen Zügen genossen. Das Schönste an einer Headliner-Tour, sagt sie, sei, dass man sich alles wünschen darf. «Was willst du denn so haben?», habe man sie gefragt. – «Ein Kletterturm wär gut.» Pause. Dann grinst sie und fügt hinzu: «Jetzt hab ich einen Kletterturm.» Sie klettert hinauf auf das Gerüst, setzt sich hin, lässt die Beine baumeln und beginnt allein mit der E-Gitarre «Raus an dich». Kein Schlagzeug, keine Band, nur sie und der Saal, der den Atem anhält. Wunderschön. Erst später steigen die anderen ein. Ein stiller, grosser Moment mitten in diesem lauten Abend, und auch hier liegt dieses Strahlen in der Luft.

Die Herzlichkeit und Nähe zum Publikum ziehen sich durch den ganzen Abend. Exemplarisch möchte ich die drei Songs «Der Himmel ist ’ne Kneipe», «Familie sucht man sich aus» und «Attacke» rauspicken.

Ein Freund von mir hört «Der Himmel ist ’ne Kneipe» seit Jahren in Endlosschleife. Natürlich kennt er den Song auswendig, doch er wollte nicht auf die Bühne, als Ina fragte, wer die zweite Strophe kenne. Der Song löst bei ihm zu viele Emotionen aus. Persönlich liebe ich den Teilsatz «Von der Nächstenliebe high» im Refrain. Ja, das wäre eine wirklich gute Droge für die ganze Welt. Eine Frau meldet sich, kommt nach oben und wird herzlich empfangen. Doch dann, bei der zweiten Strophe, der Moment der Panik und … Blackout. Ina hilft aus, nimmt sie in den Arm und tröstet sie: «Mach dir nichts draus, ich verkacke es manchmal.» Ein warmer, ehrlicher Moment, herzlich und echt.

«Familie sucht man sich aus» beschreibt genau jenes Gefühl, das ich einen ganzen Sommer lang gespürt habe. Auf der Hosen-Tournee, am Ruhrpott Rodeo und am Rebellion. Man trifft sich. Immer wieder. «Familie» ist hier mehr als ein Wort: Das steht für eine Community, die zusammen singt, zusammen springt und sich gegenseitig auffängt. Das Herz der Punk-Community. Und wir haben das Privileg, in ihren Familienkreis eingeladen zu werden. Andere Bands flüchten nach dem Gig, sie kündigt an, ins Eldorado zu gehen, um ihre Fans zu treffen.

«Attacke». Das Publikum geht voll mit und tanzt. Dann fordert sie uns auf, einen grossen Pit aufzumachen. Einen grossen Kreis. Doch an einem Ende ist der Saal abgestuft, und es entsteht zuerst etwas, das eher wie eine Wall of Death aussieht. Sie steigt runter von der Bühne, klatscht ab und fragt jemanden: «Dein erstes Cousine-Konzert?» Die Person nickt. «Und», meint Ina dann, «wie findest du’s? Auf einer Skala von 1 bis 10?» – «11!», lautet die Antwort, und Ina dreht fast durch vor Freude. Danach sieht sie sich um und meint lachend: «Das ist ja kein Kreis», und ergänzt: «Das ist bestenfalls ein Ei!» Sie schmunzelt dazu über beide Ohren. Sie beginnt Kreise zu ziehen wie ein Raubtier in einem Käfig. Sie dreht ihre Runden, der Beginn eines Crescendos. Das Ei wird zu etwas, das man mit gutem Willen einen Kreis nennen könnte. Sie stellt sich in die Mitte und singt weiter. Ich weiss, was jetzt passieren wird, doch trotzdem liebe ich es jedes Mal. Die Spannung steigt. «Auf sie mit Gebrüll», schreit sie ins Mikrofon – und genau das passiert. Alle rasen in die Mitte, sie ist völlig im Zentrum eines Mosh-Pits. Sie klettert an den Leuten hoch, kommt auf die Schultern und crowdsurft über die Menge hinaus, getragen von vielen Händen. Das ganze X-TRA kann nicht glauben, was da gerade passiert ist.

Am Ende verabschiedet sie sich mit «Bring mich nach Hause». Ein wunderschöner Abschluss eines Abends, der für alle etwas brachte: mit ihren Klassikern und Covern aus der Fernsehshow. «Still Loving You» war eines der Cover. Und das gibt kompakt wieder, wie sie ihren Fans begegnet ist, wie sie sie bildlich und real umarmt hat: «Mit unendlich viel Liebe!»

Ich mache mich auf den Weg, na ja, ich schwebe förmlich aus dem Saal. Draussen zögere ich noch kurz, ob ich im Eldorado auf sie warten soll. Aber ich habe noch einige Kilometer vor mir und muss am nächsten Tag früh raus. Deshalb mache ich mich auf den Heimweg und freue mich über die Erinnerungen an diesen herrlichen Abend.

Konzertdaten
TitelDeine Cousine
Datum1. Oktober 2026
OrtX-TRA, Zürich
BesetzungIna Bredehorn (Gesang) · Florian Fleischer (Gitarre) · Robert Kerner (Gitarre) · Daniel Otte (Bass) · Acey Avalon (Schlagzeug)

Line-up & Zeiten (1. Oktober)
20:15 – 22:00(1 Std 45)Deine Cousine

Setlist · 1. Oktober 2026
1. Ich weiß wie dieser Abend endet · 2. St. Pauli · 3. Go Fuck Yourself · 4. Aufhören wenn's am schönsten ist · 5. Freaks · 6. Bang Bang · 7. Stärker als du denkst · 8. Runaway Girl · 9. Girls Just Wanna Have Fun · 10. Ich find dich scheiße · 11. Scheiß auf Ironie · 12. Raus an dich · 13. So jung und so dumm · 14. Königin von Deutschland · 15. Der Himmel ist 'ne Kneipe · 16. Chöre · 17. Still Loving You · 18. Wenn du mich vergisst · 19. Familie sucht man sich aus
Zugabe: 20. Allez Allez · 21. Attacke · 22. Bielefeld Paris oder Madrid · 23. Bring mich nach Hause

Wertung
Deine Cousine

Deine Cousine live
Der Blick fest ins Publikum · Foto: Gerhard Hartsleben

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Zwischen Scheinwerfern und Silhouetten sucht sie den Kontakt zur ersten Reihe · Foto: Gerhard Hartsleben

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Energie in Reinform, eingefroren in einer Zehntelsekunde · Foto: Gerhard Hartsleben

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Punkrock-Attitüde in Rot: Kein Zurückhalten, kein Kompromiss · Foto: Gerhard Hartsleben

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Hier gibt es nur eines: den Song und den Moment · Foto: Gerhard Hartsleben

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Singen mit dem ganzen Körper, bis in die Fingerspitzen · Foto: Gerhard Hartsleben

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Arm hoch, Stimme hoch, Stimmung am Siedepunkt · Foto: Gerhard Hartsleben

Deine Cousine live
Sie strahlt, und das X-TRA strahlt zurück · Foto: Gerhard Hartsleben

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