Punk

Vom Ultrabowl ins Volkshaus

Unendliches Adrenalin, ein Circle Pit auf Wette — und eine Ferse, die nicht mehr mitmacht
Konzertdaten
TitelBroilers – Tourfinale
Datum11. September 2026
OrtVolkshaus Zürich
BesetzungBroilers · Special Guest: Grade 2

Die Tour der Broilers begann 11. Juli, Düsseldorf, Stadion. 45’000 Menschen — welch ein grandioser Auftakt! Dresden, Kassel, Wien, Loreley, Bostalsee, Münster folgen: eine Tour mit Stadionkonzerten durch die Nachbarländer. Und jetzt, genau zwei Monate später der Abschluss: zweimal hintereinander, das Volkshaus Zürich — ein recht kleiner Saal, in den mit eineinhalbtausend Personen nur ein winziger Bruchteil der Düsseldorfer Menge passt. Natürlich sind beide Abende ausverkauft.

Grade 2 eröffnen und ich bin vom ersten Ton an begeistert. Wow! Ich konnte sie ja bereits drei Mal dieses Jahr als Vorgruppe der Toten Hosen und von Feine Sahne Fischfilet erleben.

Die Entwicklung ihrer Bühnenpräsenz seit dem Gig in Lindau im Juni ist beeindruckend. Für die meisten im Saal sind sie vermutlich eine Entdeckung, keine bekannte Grösse. Die Band muss sich also die Stimmung von Grund auf erarbeiten und kann nicht auf vorhandene Bekanntheit aufbauen. Kein leichtes Unterfangen. Es ist immer interessant, wie Bands damit umgehen. Geholfen hat ihnen der Sound, welcher brillant und klar war.

Gleich zu Anfang erklärt Sid Ryan, dass sie nur 30 Minuten haben, wir also besser sofort abgehen sollen. Quasi als Anleitung erzählt er später, Sammy von den Broilers habe mit ihnen 200 Franken gewettet, sie würden es nicht schaffen, im Volkshaus einen Circle Pit zu entfachen. Er fordert die Menge auf, das Gegenteil zu beweisen — und es klappt, der Pit öffnet sich. Der kleine Funken, den es braucht.

Grade 2 live
Sid Ryan fordert das Publikum zum Circle Pit heraus · Foto: Gerhard Hartsleben

Drei Songs vor Schluss holt er statt des Streichholzes den Flammenwerfer raus: „Do you know a band called the Ramones?“, fragt Sid suggestiv in den Saal. Aus der Euphorie heraus peitschen sie „Do You Wanna Dance“ durch das Volkshaus. Sensationell. Kurz, aber sehr intensiv.

Grade 2 live
Do You Wanna Dance? · Foto: Gerhard Hartsleben

Dann die Broilers. Energie vom ersten Song an. Sehr früh im Set schiessen sie aus allen Rohren: Schwer verliebter Hooligan, Meine Familie, Gib das Schiff nicht auf! — drei bekannte, tanzbare Nummern am Stück, keine Verschnaufpause. Die Hütte brennt! Niemand sitzt mehr auf den Rängen, der Pit ist heiss, die Halle ein einziger Jubel.

Broilers live
Die Energie bringt das Volkshaus sofort zum Kochen · Foto: Gerhard Hartsleben

Während des Abends erwähnt er zwei Berührungspunkte ihrer Musik zur Schweiz: Zuerst kommt vor dem Song „Alice und Sarah“ der Hinweis, wie verrückt es ist, dass die Vorsitzende der AfD im Ausland, nämlich in der Schweiz, wohnt, im Privatleben völlig gegen ihre politischen Parolen verstösst — und dies als normal hingenommen wird. Er unterstreicht auch, wie sehr sie die Stadt Zürich lieben und dass ihr erster Song hier entstanden sei. Deshalb würden sie immer wieder gerne zurückkommen.

Neben den Super-Hits, die sie alle spielen, wagen sie sich auch immer wieder in neue, genre-untypische, Gefilde. So erlauben sich die Broilers herrliche Cover-Ausflüge: „Dancing in the Dark“, „I’m So Excited“ — und ganz kurz angespielt Van Halens „Jump“. Alte Songs bekommen einen neuen, punkigeren Anstrich. Sie trumpfen mit einer Spielfreude auf, die das Herz höher schlagen lässt. Es fühlt sich wie eine Abschlussparty zum Tourneeende an. Das ganze Set ist von grosser Lockerheit getragen, mitreissend, mit einer unglaublichen Strahlkraft.

Broilers live
Sammy Amara hat das Volkshaus fest im Griff und bringt es zum Tanzen und Jubeln · Foto: Gerhard Hartsleben

Doch es gibt auch stille Momente. Der monumentale Song „Ihr da oben“ lässt mich für einen Moment innehalten im Gedenken an die Menschen, die man geliebt hat und die nicht mehr unter uns sind. Es nimmt mich immer mit, doch das tut auch gut. Zurückzudenken an die Menschen, die man liebt. Ein Fremder hinter mir merkt es und legt mir die Hand auf die Schulter. Nach dem Song drehe ich mich um, nehme ihn in den Arm und bedanke mich. „Man ist nie allein“, meint er. Genau das meinen sie, die Broilers, wenn sie „Das ist meine Familie“ singen.

Broilers live
Rührende stille Momente im Volkshaus · Foto: Gerhard Hartsleben

Ich habe das ganze Konzert über enorm viel Spass und bin voll im Party-Modus. Jemand kommt zwischen zwei Songs auf mich zu und meint, ich würde ihm Hoffnung geben, dass er das noch lange so machen könne. Ein Kompliment, das schwer wiegt.

Ich fühle mich wie sechzehn statt fast sechzig. „Nicht alles endet irgendwann“ spricht mir aus der Seele, wenn Sammy und der gesamte Saal „(Hey) Wir bleiben die, die wir war’n — Jugendliche von vierzig Jahr’n“ singen. Ich bejuble die herrliche Message während eines Crowdsurfs, der bei diesem Text und meinem Alter ja schon fast obligatorisch ist. Völlig aufgedreht springe ich danach durch den Bühnengraben — und übersehe die nach hinten ragenden Stützpfeiler der Absperrung. Peng. Voll ins Metall, dann gegen die Rückwand der Absperrung gestürzt. Ich liege am Boden, die Security hilft mir hoch, und es geht weiter. Zurück in den Moshpit — ich springe wild, obwohl die Ferse theoretisch schmerzt. Adrenalin pur. Pures Leben. Im Pit später noch ein schwerer Sturz. Blauer Fleck, handgross, Bluterguss, eine Wunde am Knie. Eine 600er Ibuprofen und weiter geht’s.

Broilers live
Ines Maybaum am Bass · Foto: Gerhard Hartsleben

Beim zweiten Zugabenblock kommt zum letzten Song nochmals Grade 2 auf die Bühne. Ich liebe es, wenn der Opener auch irgendwie in den Hauptact integriert wird.

Als am Ende des Konzerts zum Abschied „Don’t Stop Believin'“ von Journey ab Band läuft, bin ich einfach restlos glücklich und freue ich mich schon auf das Konzert am Folgetag.

Die rechte Ferse ist schon vor dem Konzert lädiert — Spätfolge eines intensiven Punk-lastigen Sommers seit Ende Mai. Elf Mal Die Toten Hosen, Rock im Park, Ruhrpott Rodeo und Rebellion. Lauter Konzerte und Festivals mit intensiven Mosh-pits und einigen tausend Aktiv-kCal pro Tag. Viele Sprünge.

Dieser Mosh-pit war enorm intensiv … aber auch der K.-o.-Schlag für meine Ferse. Im Adrenalin spüre ich nichts. Nach dem Konzert ist es weg. Ich schaffe es kaum mehr zum Bahnhof.

Am Folgetag gebe ich Forfait. Weil mein Körper ein Wrack ist und nach Pause schreit. Er bekommt sie und ich werde noch lange von diesem Abend träumen.

Besetzung Grade 2

Sid Ryan (Gesang, Bass) · Jack Chatfield (Gitarre) · Jacob Hull (Schlagzeug)

Besetzung Broilers

Sammy Amara (Gesang, Gitarre) · Ron Hübner (Gitarre) · Ines Maybaum (Bass) · Chris Kubczak (Orgel, Keys) · Andi Brügge (Schlagzeug)

Line-up & Zeiten
19:45 – 20:20(35 Min)Grade 2
20:55 – 23:00(2 Std 5)Broilers
Wertung
Grade 2
Broilers
+
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