Punk Rebellion Festival Blackpool

Vom Ritchie an der Perkussion, Charlie Harper zum letzten Mal — Tag eins in Blackpool

Von südkoreanischem Death-Punk-Disco bis zum Tribal-Beat in der Oper

Los ging es mit 18 Fevers aus Seoul — Death-Punk-Disco, Metal-Elemente auf der Bühne, von der ersten Sekunde an Energie pur. Der noch spärlich gefüllte Saal wachte sofort auf. Marteen war schon da, wir tanzten zu zweit — sein linker Arm steckt komplett im Gips, hält ihn aber nicht davon ab, im Pit vollen Einsatz zu zeigen.

18 Fevers live
18 Fevers: Energie vom ersten Moment an · Foto: Gerhard Hartsleben

Auf seine Empfehlung ging es weiter zu Dog Rotten im Club Casbah — eine Band, die ich gar nicht auf dem Plan hatte. Stilistisch schwer einzuordnen, fast Hardcore-Rap in der Attacke, aber die Band explodierte vor Spielfreude, und nach und nach tanzte der ganze Raum mit. Dazu kam Thierry, der Belgier, der bei jedem Punk-Festival elegant gekleidet auftritt — „sein Ding“, wie er selbst sagt: weisses Hemd, Krawatte, Businessschuhe, damit auch in den Moshpit. Letztes Jahr trug er dazu noch ein Jackett, dieses Jahr liess er es weg — vermutlich zu heiss. Trotz Hardcore-Charakter blieb es auf Distanz, kein Contact, aber jeder tobte sich aus.

Dog Rotten live
Dog Rotten: Spielfreude, die den ganzen Raum ansteckt · Foto: Gerhard Hartsleben

In der Arena dann Noose aus Nottingham — Empfehlung von Reinhard, den ich dort traf. Die Arena selbst ist ein wunderschöner Saal: nah an der Band, gute Akustik. Noose spielten ihr Set wie crazy durch, und Reinhard und ich tanzten uns durch den ganzen Auftritt.

Noose live
Noose: wie crazy durchs Set · Foto: Gerhard Hartsleben

Ein Basssolo und eine Gitarre, die nicht wollte

Danach The Dollheads im Ballroom — laut Reinhard war ich schon letztes Jahr hier bei ihnen, erinnern kann ich mich nicht mehr. Vielleicht schreibe ich genau deshalb diesen Blog. Das Geschwister-Trio aus Las Vegas peitschte trotz schlecht abgemischtem Sound mit gefühlt über 200 BPM durchs Set. Phil, den ich schon vom letzten Jahr kenne und der mit über 50 Jahren noch dieselbe Energie hat wie ein Zwanzigjähriger, war auch dabei — mit Reinhard und ihm hatten wir trotz des mauen Klangs viel Spass. Nur Marteen wollte diesmal nicht mittanzen. Gegen Ende trat die Sängerin zur Seite, weil sie ein kleines Problem mit ihrer Gitarre hatte, während ihre Schwester ein Basssolo improvisierte; danach kam sie zurück und forderte einen Circle Pit. Zu dritt gestartet — Reinhard, Phil, ich —, wuchs er schnell auf rund zehn Leute an und löste sich am Ende in einen Moshpit auf. Wir drei, die ihn gestartet hatten, blieben am Rand, während die Neuankömmlinge die Mitte übernahmen. Höhepunkt war ein Cover von „99 Red Balloons“ — eine Strophe auf Deutsch, der Rest auf Englisch, ruhige Passagen im Wechsel mit extrem schnellen. Eine superbe Umsetzung, die die andauernde Bedrohung eines Krieges musikalisch genau einfing.

The Dollheads live
The Dollheads: Geschwister-Trio bei über 200 BPM · Foto: Gerhard Hartsleben

The Good The Bad And The Zugly konnten mich nicht abholen — nach zwei Songs war ich wieder draussen, denn die Band Splodgenessabounds waren mir empfohlen worden, doch die Arena war inzwischen am Kapazitätslimit, also warten, bis Leute rauskamen. Nach fünf bis zehn Minuten war ich drin.

The Good The Bad And The Zugly live
The Good The Bad And The Zugly: Leider eine Enttäuschung · Foto: Gerhard Hartsleben

Vom Ritchie mischt mit

Ab ca. 15:25 dann rein zu Splodgenessabounds — und das wurde zur Überraschung des Nachmittags. An der Perkussion: Vom Ritchie, der Schlagzeuger der Toten Hosen, der hier in Blackpool immer wieder in verschiedensten Bands aushilft und dabei sichtlich riesigen Spass hat — von den Hosen wohl das Mitglied, das sich am intensivsten in Nebenprojekten engagiert. Der reguläre Sänger fiel aus, also holte die Band Leute aus dem Publikum, die den Text kannten — ein improvisierter, herrlich lustiger Auftritt, bei dem alle Spass hatten. Klare Topnote. Unterwegs noch Floh und Höfe getroffen, ein paar Worte gewechselt.

Splodgenessabounds live
Splodgenessabounds: Vom Ritchie an der Perkussion · Foto: Gerhard Hartsleben

Um 16:00 direkt weiter zu Popes Of Chillitown im Club Casbah — ein wunderbarer Stil, der zum Tanzen animierte, die Leute hatten sichtlich Spass. In der zweiten Reihe stand ein Zuschauer, thematisch passend perfekt als Papst verkleidet.

Popes Of Chillitown live
Popes Of Chillitown: ein Stil, der zum Tanzen animiert · Foto: Gerhard Hartsleben

Danach zurück in den Ballroom zu The Courettes, von denen ich nur noch die letzten Songs erwischte — aber absolut beeindruckend. Die Sängerin versuchte einen Crowdsurf durch den Saal, aber die Leute trauten sich nicht nach vorne, sodass ein Riesenloch entstand, wo vorher der Moshpit war, und der Crowdsurf nur ganz nah an der Bühne stattfand. Ein Publikumsverhalten, das ich vom Kontinent so nicht kenne: eher statisches, geniessendes Zuschauen als dynamisches Mitmachen. Wir waren vielleicht zehn Leute, die viel getanzt und viel Spass gehabt haben — der Rest blieb eher statisch und genoss den Auftritt auf seine Art.

The Courettes live
The Courettes: Crowdsurf ganz nah an der Bühne · Foto: Dezi Crocker

Bekannter als in Stuttgart

Bar Stool Preachers — man merkte von der ersten Sekunde an, wie beliebt sie hier sind: Die Leute sangen laut mit und kannten jede Textzeile. Die Band löste sofort Partymodus aus, alle sprangen vergnügt mit. Insgesamt blieb es trotzdem relativ statisch, die Leute blieben eher am Ort. Erst nach wenigen Songs bildete sich ein kleiner Circle Pit, erst auf Aufforderung des Sängers auch ein Moshpit.

Bar Stool Preachers live
Bar Stool Preachers: wir waren sofort im Partymodus · Foto: Gerhard Hartsleben
Bar Stool Preachers live
Bar Stool Preachers: Hier eine grosse Nummer, in Stuttgart als Vorgruppe der Hosen unbekannt · Foto: Gerhard Hartsleben

Ein letzter Tanz mit Charlie Harper

Dann UK Subs — mit Verspätung wegen technischer Probleme, de facto ab 18:35 statt 18:20, dafür trotzdem die volle Setlänge, das Ende entsprechend 15 Minuten nach hinten verschoben. Absolut unglaublich, von der ersten Sekunde an ein wilder Moshpit, vielleicht zehn, fünfzehn Leute, aber grenzenloser Spass — die Angst um meine gebrochenen Rippen war durchs Adrenalin komplett verschwunden. Charlie Harper kommt langsam auf die Bühne, aber sobald er hinter dem Mikrofon steht: eine Gewalt. Man spürt, dass er hier wirklich noch einmal richtig Abschied nehmen will. Nicht oft im Leben weiss man, dass man etwas zum letzten Mal erleben darf — und nicht oft kommt es dabei so traumhaft rüber. Ein herrlicher Auftritt. Das Glück, die UK Subs innerhalb von zwölf Tagen zweimal in absoluter Hochform zu erleben, hatte ich selten — und Charlie Harper sogar innerhalb von nur zwei Tagen zweimal zu sehen, nachdem er tags zuvor noch ein Akustikset gespielt hatte, ist absolut unbeschreiblich.

UK Subs live
UK Subs: Das allerletzte Mal für mich. Ein wunderbarer Abschied. Danke, Charlie! · Foto: Gerhard Hartsleben
UK Subs live
UK Subs: seit 50 Jahren Energie ohne Ende · Foto: Gerhard Hartsleben

Danach The Adolescents im Club Casbah — für mich eher Hardcore und meist nicht mein Stil, aber extrem gut gespielt, guter Sound, phänomenale Publikumsstimmung. Ein recht grosser, wilder Moshpit, ich hielt mich eher am linken Rand, Phil war als Fan mit dabei. Sie peitschten das Set mit beeindruckender Geschwindigkeit und Dynamik durch.

The Adolescents live
The Adolescents: Tempo und Dynamik pur · Foto: Gerhard Hartsleben

Bei Scream kamen relativ wenig Leute, aber die Show war phänomenal. Der Sänger zog es immer wieder ins Publikum, nur durchs Mikrofonkabel limitiert, stieg über die Absperrung, liess das Publikum mitsingen und peitschte es an.

Scream live
Scream: Sänger mit Publikumsnähe · Foto: Gerhard Hartsleben

Sitzen, aber nicht stillhalten

Nach den UK Subs war ich vollkommen erledigt — dachte kurz sogar ans Heimgehen, meine Füsse trugen mich kaum noch. Mit Reinhard ging es trotzdem in die Oper zu Bow Wow Wow. Das Opera House hat den grossen Vorteil, dass man sitzen kann — klimatisiert, herrlicher Ort, trotzdem nah an der Bühne. Reinhard stand vorne, ich wählte einen Sitzplatz, stand zwischendurch immer wieder auf. Erwartet hatte ich eigentlich ein akustisches Set, bekommen habe ich ein volles Standardset mit unglaublicher, teils tribal-inspirierter Energie. Die Sängerin an vorderster Front mit extrem viel Energie — faszinierend. Kurioser Moment: Ein Zwischenruf aus dem Publikum, offenbar eine schwere Beleidigung gegen die Sängerin, kaum jemand im Saal verstand, was passiert war. Sie wirkte sichtlich irritiert, wiederholte es nicht, steckte es aber gut weg und zog ihre Performance beeindruckend durch.

Bow Wow Wow live
Bow Wow Wow: tribal-inspirierte Energie in der Oper · Foto: Gerhard Hartsleben

Auf Reinhards Empfehlung blieb ich noch kurz bei Buzzcocks, ebenfalls im Opera House — melodischer, eingängiger Pop-Punk mit schnellen Riffs. Herrliche Überraschung, hat mir sehr gut gefallen.

Buzzcocks live
Buzzcocks: Pop-Punk zum Ausklang · Foto: Gerhard Hartsleben

Zum Ausklang

Millie Manders & The Shut Up — für mich eigentlich ein Fixpunkt des Abends, aber nach den ersten zwei Songs überlegte ich, ob ich bleiben soll. Sehr direkt im Auftreten, mit einer deutlichen Ablehnung gegenüber Andersdenkenden — für meinen Geschmack streckenweise etwas hasserfüllt. Eindrücklich trotzdem: die Bassistin, die jede Zeile lauthals mitsingt, dabei fröhlich über die Bühne hüpft, permanent unter Strom zu stehen scheint und ein breites Lachen trägt — fast im Stil einer Hippie-Attitüde, trotz der sehr direkten Songs. Ob dieser Kontrast gewollt ist oder zufällig entstanden — ich weiss es nicht, aber faszinierend fand ich ihn allemal.

Millie Manders & The Shut Up live
Millie Manders & The Shut Up: Mix aus Millies Kampfeswillen und der Fröhlichkeit der Bassistin · Foto: Gerhard Hartsleben

Erkenntnis des Tages (eigentlich nichts Neues)

Rebellion ist für mich vor allem eines: die eine Gelegenheit im Jahr, bei der alle die einzelnen Punk-Freunde von überall wieder an einem Ort zusammenkommen. Und mein Eindruck von diesem ersten Tag insgesamt: Keine Band kann oder will sich hier einen schlechten Auftritt erlauben. Blackpool ist die Referenz, weit und breit.

SHORTCODES:

Line-up & Zeiten (6. August)
12:30 – 13:00(30 Min)18 Fevers
13:05 – 13:35(30 Min)Dog Rotten
13:35 – 14:05(30 Min)Noose
14:15 – 14:50(35 Min)The Dollheads
15:10 – 15:20(10 Min)The Good The Bad And The Zugly
15:25 – 16:00(35 Min)Splodgenessabounds
16:05 – 16:25(20 Min)Popes Of Chillitown
16:30 – 16:50(20 Min)The Courettes
17:10 – 17:55(45 Min)Bar Stool Preachers
18:35 – 19:35(1 Std)UK Subs
19:55 – 20:45(50 Min)The Adolescents
21:10 – 22:00(50 Min)Scream
22:15 – 23:05(50 Min)Bow Wow Wow
23:25 – 23:45(20 Min)Buzzcocks
23:45 – 00:45(1 Std)Millie Manders & The Shut Up
Wertung
18 Fevers
Dog Rotten
Noose
The Dollheads
The Good The Bad And The Zugly
Splodgenessabounds
Popes Of Chillitown
The Courettes
Bar Stool Preachers
+
UK Subs
+
The Adolescents
Scream
Bow Wow Wow
Buzzcocks
Millie Manders & The Shut Up

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