Die Sonne geht links der Bühne über dem See unter, die Ränge bis auf den letzten Platz gefüllt — das Konzert ist schon lange ausverkauft. Eine lange, kräfteraubende Tournee geht nun zu Ende.
Rainhard Fendrich beginnt den Abend mit „Vogelfrei“ — einer Rarität von 1986, die nicht alle im Publikum kennen. Doch wer fürchtet, an diesem Abend nur wenige Lieder mitsingen zu können, wird sofort beruhigt: Mit „Es tuat so weh, wenn ma verliert“ und „Vü schöner is des G’fühl“ reisst er das Publikum sofort mit. Als dann „Auf und davon“ folgt, weiss jeder: Es wird auch ein wunderschöner Abend voller Nostalgie.
Die Konditionen sind perfekt: exzellente Sicht von jedem Platz aus, perfekter Sound in angenehmer Lautstärke. Alle sind fasziniert, man sieht leuchtende Augen und strahlende Gesichter — gebannt von der Kraft, die von seiner Stimme und der akustischen Gitarre ausgeht. Das Publikum verhält sich respektvoll und geniesst einfach nur. Kein Aufstehen, kein lautes Mitsingen. Nein, man will diesem Barden, der österreichische Musikgeschichte geschrieben hat, noch ein letztes Mal konzentriert zuhören. Seine Stimme ist trotz des Alters makellos, und er ist wie eh und je sehr ausdrucksstark.
Nach diesem Opener geht es sofort weiter, ein Hit nach dem anderen, kaum Verschnaufpausen. Die vierköpfige Band ist nach über 60 Konzerten dieser Tournee perfekt aufeinander abgestimmt und trägt jeden Song mit einer Selbstverständlichkeit, die man nur nach Jahrzehnten gemeinsamen Spielens erreicht — hält sich dabei aber stets im Hintergrund. Sie begleitet, dominiert nie: einfach perfekt. Man kennt fast jeden Song mit, die ganze Seebühne singt durch, von der ersten bis zur letzten Reihe. Bei „Strada del Sole“ kippt die Stimmung endgültig in Euphorie.
Doch der Abend ist nicht nur eine durchgehende nostalgische Party. Fendrich wäre nicht Fendrich, würde er nicht im Plauderton immer wieder autobiografisch, selbstironisch, nachdenklich und mahnend seine präzisen Pointen zum Besten geben. Er schafft es, all das kompakt in wenigen prägnanten Worten zu formulieren: „Ich bin älter als der Papst!“, sagt er, bevor er anfügt: „Wobei Papst wohl der einzige Beruf ist, bei dem man bei einem 71-Jährigen meint: ‚Ist er nicht ein bisschen jung dafür?'“ Etwas später meint er: „Man sagt, 70 sei das neue 50. Ich weiss nicht. Ich weiss nur, dass 22 Uhr das neue Mitternacht ist.“ Das Publikum lacht mit, laut und herzlich — dieser Mann ist auch nach 45 Jahren nicht nur ein brillanter Liedermacher, sondern auch ein sprachgewandter Kabarettist. Auch dies spricht er direkt an. Er mache das jetzt seit 45 Jahren, sagt er, aber ein Konzert sei nie Routine — er sterbe hinter der Bühne jedes Mal einen kleinen Tod, bevor ihn das Publikum wieder zum Leben erwecke. Ein Satz, der leichtfüssig klingt und doch etwas sehr Ehrliches über das Auftreten nach so vielen Jahren verrät. Und dann, mit einem Blick ins Publikum: „Ohne euch bräuchte es mich nicht.“ Kein Satz für den Applaus, sondern einer, der ernst gemeint klingt.
In diesem Alternieren zwischen Euphorie und Ernsthaftigkeit liegt die Substanz des Abends und die davon ausgehende Faszination. Fendrich erzählt beispielsweise von seiner Mutter, einer Sudetendeutschen, die nach Wien fliehen musste — ihr Pech sei sein Glück gewesen, sagt er, denn nur so habe er in einer Stadt aufwachsen können, die ihn zu dem machte, was er heute ist. Er sei also, mit einem Lächeln, ein Wiener mit Migrationshintergrund.
Eine perfekte Überleitung zu „I Am From Austria“, wo er erklärt, dass er es lange nicht mehr gespielt hat, weil es sich Kreise angeeignet hatten, von denen man sich nicht weit genug abgrenzen kann. Er spiele es trotzdem wieder, sagt er, denn „Man kann seine Heimat auch lieben, ohne andere zu hassen!“ Das Publikum ist riesig begeistert, singt und etliche tanzen mit. Direkt danach, ohne Umweg, folgt das nachdenkliche „Kein schöner Land“ — als würde er den Jubel des einen Songs bewusst mit der Stille des nächsten auffangen und seinen einleitenden mahnenden Satz nochmals unterstreichen.
Über „Frieda“ und „Midlife Crisis“ und „Schickeria“ nähert sich der Abend seinem Schlussdrittel, und gegen Ende des Hauptsets, bei „Blond“, noch einmal Riesenbegeisterung, bevor der Bogen zu „Macho Macho“ und „Nur ein Wimpernschlag“ gespannt wird — dem Titelsong des neuen Albums, streicher- und klavierlastig, ein leiser Kontrapunkt zu den Partyhits ringsherum.
In der Zugabe kippt die Seebühne dann noch einmal komplett: „Es lebe der Sport“, „Oben Ohne“, „Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk“ — bei diesen drei tanzt und singt das ganze Publikum, riesige Begeisterung, ein letztes gemeinsames Aufbäumen vor dem eigentlichen Schluss. Und dann, nach „Hoit mi“, die zweite Zugabe, die alles andere als ein gewöhnliches Konzertende ist: „Nie mehr Krieg“, allein zur Gitarre. Kein Feuerwerk, kein grosser Schlussakkord der Band, sondern eine einzelne Stimme und eine einzelne Gitarre, die das Publikum sehr leise, aber eindringlich zurück in die Realität entlässt. Das Grande Finale der Tour „45 Jahre live – Nur ein Wimpernschlag“, vielleicht das letzte Live-Konzert seiner Karriere, endet damit genau richtig — nicht mit einem Knall, sondern mit einer Mahnung, die noch lange nachhallt, während die Menschen langsam vom See in die Nacht hinausströmen.
| Titel | Rainhard Fendrich – Nur ein Wimpernschlag |
| Datum | 6. September 2026 |
| Ort | Seebühne, Bregenz |
| Besetzung | Rainhard Fendrich (Gesang, Gitarre) · Martin Roth (Gitarre) · Christian Seiner (Bass) · Christian Einheller (Schlagzeug) · Oliver Hahn (Keyboards) |