Die Toten Hosen Punk

Düsseldorf II: Ja, obwohl der Körper Nein sagte

Zweite Nacht in Düsseldorf: zwei Rippen, zwei fremde Freunde und ein Traum in Reihe drei

Anmerkung des Autors: Diesen Artikel schreibe ich erst mit einiger Verspätung — mittlerweile weiss ich, dass es keine Prellung, sondern zwei gebrochene Rippen waren, und dass ich vermutlich besser im Hotel geblieben wäre.

Vorgeschichte

Schon am Morgen habe ich höllische Schmerzen. Einen Moment lang überlege ich, gar nicht erst zum Konzert zu gehen — verwerfe den Gedanken aber sofort wieder.

Bereits vor elf Uhr, gegen 10:40, stehe ich mit Reiner vor dem Stadion. Die Stimmung ist von der ersten Minute an gut — man kommt ins Gespräch mit Leuten, die man nie zuvor gesehen hat, und trotzdem fühlt es sich an wie ein Wiedersehen. Um kurz nach eins dann die Bändchen — nur eine einzige Person verteilt sie, und das Warten zieht sich endlos. Zum Glück waren wir früh da, so müssen wir nicht allzu lange in der Schlange stehen, während andere um uns herum ungeduldiger werden.

Mit der S-Bahn geht es zurück in die Stadt. Jemand fragt, ob es mir besser gehe — Menschen von gestern, an die ich mich selbst nicht mehr erinnere. In diesem Moment wird mir zum ersten Mal klar: Man hat sich gestern mehr Sorgen um mich gemacht, als ich überhaupt mitbekommen habe. Dann kommen wir in die Stadt, und es ist unbeschreiblich — alles lebt nur für die Hosen.

Wir stehen gegenüber vom Uerige und geniessen die Stimmung. Wie am Vortag legt ein DJ nur Punk auf, alles ist gerammelt voll. Ich sauge das alles in mich ein — dafür bin ich auch nach Düsseldorf gekommen, für diese Stimmung, die es nur bei den Heimspielen gibt, wo eine ganze Stadt für ein Konzert lebt.

Wir bleiben etwas länger als am Vortag, steigen dann aber bald wieder in die S-Bahn und fahren zum Stadion.

Konzertfoto
Stimmung in der Düsseldorfer Altstadt vor dem Konzert · Foto: Gerhard Hartsleben

Ankunft im Stadion

Der Körper trifft die Entscheidung, bevor der Kopf gefragt wird: hinlegen. Ich lege mich auf den Boden und schlafe sofort ein — Schmerzmittel-müde, nicht konzert-müde. Als ich aufwache, greife ich zur nächsten Tablette. Neben mir hebt jemand die Augenbraue: „Noch eine 600er?“, meint eine der Personen. Ich bejahe und bin vor allem erstaunt, dass sie das Medikament und die verschreibungspflichtige Dosierung sofort erkannt hat. Erst beim Nachdenken darüber, Tage später, realisiere ich den besorgten Unterton darin — so benommen war ich von den Schmerzmitteln, dass es mir im Moment selbst gar nicht auffiel.

Ich schlafe fast eine halbe Stunde, wache auf und bin so wach, wie es die Tabletten eben zulassen. Doch dann kommt Vom auf die Bühne, kündigt Bad Nerves an, und das Adrenalin fährt ein. Die geplante Vernunft ist vergessen.

Bad Nerves — links des Pits, Rippen schützen

Bad Nerves versuchen wie schon am Vorabend, die Menge zum Ausflippen zu bringen, und ich stelle mich ganz links des Moshpits, bewusst am Rand der Bewegung, den Arm schützend vor der verletzten Seite. Es ist ein Kompromiss zwischen Kopf und Körper — dabei sein, aber nicht mittendrin. Als die Band von der Bühne geht, ist der Kompromiss vorbei: Der Schmerz meldet sich zurück, voll und ungefragt, so als hätte er nur auf eine Pause gewartet, um wieder laut zu werden.

Konzertfoto
Bad Nerves auf der Bühne · Foto: Gerhard Hartsleben

Rise Against — der Traum in Reihe drei

Ich liebe diese Band, und so sehr ich mich auf die Hosen freue — ich weiss auch, dass ich Rise Against jetzt für eine ganze Weile zum letzten Mal sehen werde. Ich tanze im hinteren Teil des Pits. Als sich zum ersten Mal ein Circle Pit formt, gehe ich in dessen Mitte und geniesse es, in der geschützten Position in der Mitte des Pits abzutanzen.

Konzertfoto
Rise Against: ganz nah am Geschehen dran · Foto: Gerhard Hartsleben

Als der Pit erneut losbricht, versuche ich, mich davor zu stellen. Zwecklos. Die Menge spült mich nach vorne, ganz nach vorne, bis ich da stehe, wo ich nie stehen wollte: mittendrin, mit Schmerzen bei den Rippen, die das eigentlich verbieten. Im Gerangel, dem ich hier nicht entkommen kann, bekomme ich einen Ellbogen in die geprellte Zone und schreie vor Schmerzen auf. Der Schrei bleibt nicht unbemerkt: Die Security fragt per Handzeichen, ob bei mir alles okay sei, was ich bejahe. Auch aus meinem Umfeld fragen mehrere, was los sei. Ich bin überzeugt, dass es nur eine Prellung ist, und erkläre kurz, dass ich trotzdem Rise Against abfeiern möchte. Im Nachhinein, mit dem Wissen um zwei gebrochene Rippen, ein Wahnsinn.

Und dann passiert etwas Magisches. Ohne dass ich darum gebeten hätte, stellen sich zwei starke Männer halb schräg hinter mich, wie zwei lebende Mauern, und werden mein Fels in der Brandung — plötzlich habe ich ihn, meinen privaten Tanzraum in Reihe drei. So nah an der Bühne wie nie zuvor, und gleichzeitig so viel Platz zum Tanzen wie sonst nirgends im Pit. Es klingt wie ein Widerspruch, aber es ist einfach ein wunderbares Geschenk. Danke an die beiden, die mir diesen Traum ausleben liessen, ohne mich zu kennen, nur weil sie sahen, wie sehr es mir etwas bedeutet.

Konzertfoto
Vom privaten Tanzraum in Reihe drei aus gesehen · Foto: Gerhard Hartsleben

Nach Rise Against versuche ich, noch einmal ein paar Minuten zu schlafen. Doch als mehrere Personen vorbeikommen und fragen, ob alles okay sei, gebe ich es auf und setze mich auf. Dann kommt die Person, die mich immer abtanzen und feiern sieht und wissen wollte, ob es auch Momente gibt, in denen ich seriös bin. Er selbst sei zum Beispiel Informatiker. Ich weiss nicht genau, wie ich meinen Berufsinhalt in wenigen Stichworten beschreiben kann, fühle mich ausserdem etwas zu müde dazu und erkläre einfach, dass ich mathematische Physik studiert habe. Für ihn ist ganz offensichtlich klar: Das ist das Seriöseste, was man sich vorstellen kann.

Die Hosen — leiser, genauso warm

Konzertfoto
Die Toten Hosen beim zweiten Heimspiel · Foto: Gerhard Hartsleben

Während des Hosen-Sets versuche ich, den zentralen Pit zu meiden, und tanze meist leicht versetzt, ein paar Meter daneben. Und jedes Mal bildet sich eine kleine Fläche um mich herum, die von den Umstehenden freigehalten wird — so, als wäre ich abgeriegelt.

Die Menschen um mich lassen mir Platz zum Abtanzen, ohne dass ich etwas sagen muss — als hätte sich herumgesprochen, dass hier jemand vorsichtig sein muss und trotzdem dazugehören will. Strahlende Gesichter, so weit ich schaue. Es ist anders als der Rise-Against-Ausbruch, leiser in der Bewegung, aber genauso warm.

Die Setlist zeigt, wie sehr sich die Band zu Hause fühlt: fast identisches Grundgerüst zum Vorabend, aber mit eigenen Akzenten. Als klar wird, dass wieder ein Gast kommt, geht ein Raunen durchs Publikum — nach dem starken Freitag mit Sammy Amara fragen sich alle, wie man das noch toppen soll, und die Erwartung an einen „big name“ ist spürbar. Als dann Thees Uhlmann auf die Bühne kommt, macht sich kurz leise Enttäuschung breit. Doch kaum kündigt er „Halbstark“ an, ist davon nichts mehr übrig — zwei Gastauftritte, zwei Freundschaften, ein gemeinsamer Nenner: Heimat.

Dann wird es still. Vor „Nur zu Besuch“ erinnert Campino an den wohl dunkelsten Tag der Bandgeschichte: Vor 29 Jahren, beim 1000. Konzert der Hosen im alten Rheinstadion, kam die 16-jährige Rieke Lax im Gedränge vor der Bühne ums Leben. Am Freitag war ihre Schwester in der Arena gewesen, heute begrüsst Campino die ganze Familie persönlich. Das ausverkaufte Stadion verstummt — mitten in einem Abend voller Party plötzlich diese Erinnerung daran, wie schnell aus Feiern Trauer werden kann. Genau deshalb achtet die Band bis heute so sehr auf ihr Publikum und verkauft bewusst weniger Eintrittskarten als andere Bands, um mehr Platz pro Fan zu lassen.

Beim allerletzten Zugabenblock kommen die Musiker mit dem neuen Fortuna-Düsseldorf-Trikot auf die Bühne. Auch hier stellt Campino klar, dass sie auf ihre Mannschaft stolz sind und die Liga dabei keine Rolle spiele.

Bei „You’ll Never Walk Alone“ verpasst Campino zuerst seinen Einsatz, bricht ab und sagt ins Mikrofon: „Ich kann doch diesen Song nicht verkacken.“ Schon den ganzen Abend über wirkte er ungewöhnlich nervös — nervöser als an jedem anderen Konzert dieser Tour — und verpasste zwei-, dreimal seinen Einsatz. Ob es an den Kameras für den Konzertfilm lag, der an beiden Abenden gedreht wurde, oder an der Familie von Rieke Lax, die er zuvor im Stadion getroffen haben dürfte — das bleibt für mich offen.

Für mich ist es beeindruckend, in solchen Momenten mitzuerleben, wie Campino vom Superstar zum Menschen wird. Ein verpasster Einsatz ist für mich keine Imperfektion im Konzert, sondern etwas Menschliches — und das gehört zu den Toten Hosen genauso dazu wie alles andere.

Beim finalen „You’ll Never Walk Alone“ denke ich kurz an die Rippen, an die zwei Männer in Reihe drei, an den Nachbarn mit der 600er-Frage. Der Körper hat den ganzen Abend Nein gesagt. Die Menschen haben trotzdem Ja gesagt — und alles getan, damit ich diesen Abend geniessen konnte.

Die Fans sind eine grosse Familie.


Konzertdaten
TitelDie Toten Hosen – Heimspiel, Teil 2
Datum04.07.2026
OrtMerkur Spiel-Arena, Düsseldorf
BesetzungRise Against · Bad Nerves · Die Toten Hosen
Bad Nerves – Düsseldorf, 4. Juli 2026
1. Do You Remember Rock 'n' Roll Radio? (Ramones-Cover) · 2. Baby Drummer · 3. Network · 4. Palace · 5. Radio Punk · 6. USA · 7. Antidote · 8. The Kids Will Never Have Their Say · 9. You've Got the Nerve · 10. Can't Be Mine · 11. Dreaming
Rise Against – Düsseldorf, 4. Juli 2026
1. Re-Education (Through Labor) · 2. Ready to Fall · 3. Give It All · 4. Satellite · 5. The Good Left Undone · 6. Prayer of the Refugee · 7. Make It Stop (September's Children) · 8. Savior
Die Toten Hosen – Düsseldorf, 4. Juli 2026
1. Opel-Gang · 2. Die Show muss weitergehen · 3. Wir waren nie weg · 4. Auswärtsspiel · 5. Du lebst nur einmal (vorher) · 6. Laune der Natur · 7. Unter den Wolken · 8. Alles was war · 9. Altes Fieber · 10. Schlechte Nachbarn · 11. Wannsee · 12. Liebeslied · 13. Was ist mit uns los · 14. Alle sagen das · 15. Nur zu Besuch · 16. Steh auf wenn du am Boden bist · 17. Bonnie & Clyde · 18. Wort zum Sonntag · 19. Was früher einmal war · 20. Alles aus Liebe · 21. Pushed Again · 22. Wünsch DIR was · 23. Hier kommt Alex
Zugabe: 24. Verschwende deine Zeit · 25. Alles wird vorübergehen · 26. Halbstark (The-Yankees-Cover · 27. mit Thees Uhlmann) · 28. Tage wie diese
Zugabe: 29. Düsseldorf · 30. Schrei nach Liebe (Die Ärzte-Cover) · 31. Schönen Gruß auf Wiederseh'n
Zugabe: 32. Freunde · 33. Trink aus · 34. You'll Never Walk Alone (Rodgers & Hammerstein-Cover) · 35. Ich liebe das Leben (Vicky-Leandros-Cover)
Stage Times · Merkur Spiel-Arena Düsseldorf, 4. Juli 2026
18:15 – 18:45(30 Min)Bad Nerves
19:15 – 19:55(40 Min)Rise Against
20:45 – 23:05(2 Std 20)Die Toten Hosen
Wertung
Stimmung in der Stadt
+
Körperliche Verfassung
Bad Nerves
Rise Against
+
Die Toten Hosen
Konzert gesamt

Einmal im Monat: was mich live bewegt hat, kompakt in deinem Postfach.