Die Toten Hosen Punk

Die Toten Hosen Köln II: Kristallnaach auf Hochdeutsch

In der Strassenbahn

Auf dem Weg zum Stadion treffe ich ihn wieder — einen Ticket-Händler, den ich von früheren Konzerten kenne. Wir kommen ins Gespräch, und er erzählt mir, wie sein Geschäft funktioniert: unterschiedliche Preismodelle je nach Anlass. Bei Rockkonzerten kauft er Tickets, die sonst verfallen würden, billig auf und verkauft sie zum Nennwert oder leicht darunter weiter — ein Verhalten, das ich selbst schon öfter beobachtet habe und das ich in Ordnung finde. So kommt man in letzter Sekunde noch fair an ein Ticket, und ein Ticket zu viel bringt dem Verkäufer wenigstens noch ein bisschen etwas ein. Bei Bundesligaspielen dagegen läuft es umgekehrt: Einkauf zum Nennwert, Verkauf für ein Vielfaches — damit habe ich schon eher ein Problem. Alles in allem: ein Mann, der denkt wie ein Kleinunternehmer, mit einer eigenen, klaren Logik hinter jedem seiner Preise. Vor zehn Jahren habe er seinen Job verloren, seither macht er das. Anders als die nordafrikanischen Gruppen, die mit Schildern herumstehen und warten, spricht er die Leute direkt an — sein eigenes System, sein eigener Stil.

Dann wird er ernster: Am Vortag habe es eine Razzia gegeben, der er nur knapp entkommen sei. Und von einer Kontrolle beim Hallenstadion in Zürich erzählt er auch — seither meide er die Schweiz. Eine kurze, unverhoffte Einsicht in ein Leben am Rand der Konzertwelt, die ich sonst nie zu sehen bekomme.

RheinEnergieSTADION live
Vor dem Konzert: Meine Vorfreude ist riesig · Foto: Gerhard Hartsleben



24/7 Diva Heaven

24/7 Diva Heaven eröffnet den Abend — ein Berliner Trio, das ich vorher nicht kannte.Leider kommt davon an diesem Nachmittag nicht alles an: der Sound ist schlecht, phasenweise regelrecht mühsam. Die Musik selbst aber bleibt hängen — das ist die Band, die ich mir merken werde.

24/7 Diva Heaven live
24/7 Diva Heaven: Auftakt des Abends · Foto: Gerhard Hartsleben

The Undertones

The Undertones sind zurück auf der Bühne — für mich schon der zweite Abend mit ihnen in Folge. Sie starten mit «Jimmy Jimmy» durch — sofort springen einige Leute direkt vor der Bühne, und es bildet sich ein kleiner, aber ruhiger Mosh-Pit. Ich wage es, links reinzugehen, schütze die linke Seite mit dem Arm und springe mit — Spass während des gesamten Sets.Der Höhepunkt kommt bei «Teenage Kicks»: super Stimmung, viele singen mit, und der kleine Pit wird sichtbar grösser. Ein Beweis, dass ein fast 50 Jahre alter Song nichts von seiner Wirkung verloren hat. Im Vergleich zum Vortag ist die Stimmung etwas besser, auch wenn sie der Band immer noch nicht ganz gerecht wird.

The Undertones live
The Undertones: «Teenage Kicks» lässt den Pit wachsen · Foto: Gerhard Hartsleben

Beatsteaks

Beatsteaks übernehmen die Bühne — zwei Berliner Bands an einem Abend, nach 24/7 Diva Heaven schon die zweite. Bekannte Songs wie «Summer» und «Hello Joe» reissen das Publikum sofort mit, das Stadion tobt, bevor der Hauptakt überhaupt begonnen hat.

Beatsteaks live
Beatsteaks: das Publikum tobt schon vor dem Hauptakt · Foto: Gerhard Hartsleben

Die Toten Hosen

Bevor die Hosen beginnen, habe ich mir vorgenommen, mich diesmal etwas zentraler zu platzieren — die Idee: sobald der Pit aufgeht, an den Rand ausweichen und von Anfang an mitfeiern.

Dann, endlich: Die Toten Hosen. Sie kommen raus. Campino greift das Megaphon. Die Spannung wächst. «Wir sind die Jungs von der Opel-Gang!», schreit er hinein. Eine winzige Sekunde lang holt das Stadion Luft. Der erste Ton — und die erste Welle ist ein einziger riesiger Pit. Keine Anlaufzeit, kein Abtasten. Nur Explosion — wie ein Streichholz in Benzin. Videobilder von der Galerie sehe ich erst später, und es sieht wirklich genauso aus. Von wegen gemütlich an den Rand ausweichen — ich flüchte in den hinteren Bereich der ersten Welle. Dort feiere ich mit — allerdings hinten im Pit, defensiv sozusagen.

Die Toten Hosen live
Die Toten Hosen: die erste Welle vor dem Sturm · Foto: Gerhard Hartsleben

Und der Pit brodelt ohne Unterbruch: Schlag auf Schlag geht es weiter. Die Songs, die darauf folgen und die auch schon bei den vorigen Konzerten funktioniert haben — «Die Show muss weitergehen», «Wir waren nie weg» und «Auswärtsspiel» — halten die Menge in genau diesem Ausnahmezustand, peitschen sie weiter an, bringen sie zum Durchdrehen. Heute noch intensiver als sonst, ungebremster. «Du lebst nur einmal (vorher)» spricht mir aus der Seele, und «Altes Fieber» bringt, wie jedes Mal, die Erinnerung an Neujahr zurück.

Ich stehe im hinteren Teil einer Menge, die crazy geht. Dort sehe ich die Frauengruppen, die zu den ultimativen Endgegnerinnen werden — und ich meine das im bewundernden Sinn. So viel Energie und Freude sieht man selten. Voller Einsatz, Vollgas, nicht zu halten. Sie springen in Leute, die doppelt so gross sind wie sie selbst, fliegen durch die Luft wie eine Kugel im Flipperkasten, fassen sich an den Armen und rotieren gemeinsam durch die Menge, unbezwingbar. Sie können niemanden ernsthaft verletzen, weil sie einfach viel leichter sind — Impulserhaltung gilt eben auch im Mosh-Pit. Ein Pit, der bis zum Schluss brennt, ohne zu verbrennen.

Mitten im Sturm ein Umschwung — «Wannsee». Man sieht Campino an, wie sehr er diesen Song liebt, wie tief er in ihm sitzt: die Augen halb geschlossen, die Stimme einen Hauch brüchiger als sonst, jede Zeile ein kleines Geständnis. Vielleicht hat niemand in der Band einen so persönlichen, so schmerzhaft direkten Bezug zu dieser einen Stadt. Sein Sohn lebt dort, seine Eltern sind dort begraben — Berlin ist für ihn kein Tourstopp, sondern ein Lebensort. Zwei Berliner Vorbands runden die Hommage an die Hauptstadt an diesem Abend jedenfalls ab. Campino, frage ich mich, ein verkappter Berliner?

Doch direkt nach «Wannsee» stellt er Köln über Berlin! Auf der Bühne heisst es, ganz Berlin sei neidisch auf den Rhein — also auf Köln und Düsseldorf gleichermassen, beide an diesem einen Fluss gelegen. «Wahnsinn.» Köln sei wunderschön, wird von der Bühne gerufen — noch schöner wäre es natürlich, wenn es Düsseldorf hiesse, der Nachsatz. Das Stadion johlt, kennt den Witz längst, liebt ihn trotzdem jedes Mal wieder — und dann, passgenau, der Song «Düsseldorf» selbst, als hätte die Band nur auf diesen Moment gewartet. Campino hält dabei das neue Auswärtstrikot der Düsseldorfer Eishockey-Mannschaft DEG hoch — schon in Düsseldorf selbst hatten sie ein neues Fortuna-Trikot enthüllt, jetzt ist eben auch das Eishockey an der Reihe. Ich habe das Gefühl: «Düsseldorf» wird hier in Köln lauter mitgesungen als an beiden Düsseldorfer Abenden selbst.

Nach so viel Trikot-Diplomatie zieht es mich weiter — ich bin an diesem Abend an verschiedenen Stellen der ersten Welle unterwegs, nie lange am selben Fleck, immer mittendrin, immer in Bewegung. Überall dasselbe Bild: alle singen jeden Song mit voller Kraft mit, eine herrliche, euphorische Stimmung, strahlende Gesichter, wohin man schaut, Arme in der Luft, wohin man schaut. Ein Abend, an dem man spürt, dass alle für ein paar Stunden dasselbe wollen — und es mit jeder Faser feiern.

Gleich in der ersten Zugabe der erste Paukenschlag: Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks betritt die Bühne, keine zwei Stunden nach seinem eigenen Auftritt schon wieder zurück. Für «Should I Stay or Should I Go» von The Clash steht er plötzlich neben Campino, als hätten sie das schon hundertmal gemacht — und das Stadion kippt noch einmal, obwohl man dachte, mehr gehe nicht mehr.

Doch der grosse Moment des Abends kommt erst noch, in der zweiten Zugabe, und er gehört Wolfgang Niedecken — für mich ein Traum, der wahr wird, ganz plötzlich, mitten im eigenen Leben. Mit Hut und Sonnenbrille kommt er auf die Bühne. «Es macht Spass, nach nur acht Tagen wieder hier spielen zu dürfen», sagt er — sein eigenes BAP-Konzert in derselben Arena liegt gerade mal acht Tage zurück. Campino stellt ihn vor: «Ich bringe euch den Bürgermeister dieser Stadt, den Präsidenten und den König von Köln — die absolute Legende und ein Freund seit vielen, vielen Jahren.» Das Stadion tobt, bevor Niedecken auch nur ein Wort gesagt hat. Niedecken erklärt, wie es zu diesem zweiten Auftritt kam: «Die Jungs haben mich gefragt, ob wir nicht zusammen einen Song singen sollen. Wir haben dann Kristallnaach auf Hochdeutsch geprobt, damit jeder Idiot versteht, was aktuell abgeht.» Der Song erzählt von der Reichspogromnacht 1938, aus der Perspektive eines Kindes, das die Ereignisse erst später begreift. Er zieht auf Schriftdeutsch spürbar weniger als im Original, das muss man ehrlich sagen — ein kleiner Wermutstropfen mitten im grossen Glück. Und doch: die Stimmung im Stadion ist von der ersten Note an herrlich. Zwei Konzerte, acht Tage, ein Stadion, ein Sänger, der zweimal hier stand — als würde die Stadt selbst nicht genug von ihm bekommen.

Die Toten Hosen live
Wolfgang Niedecken (BAP) singt «Kristallnaach» mit Campino auf Schriftdeutsch · Foto: Gerhard Hartsleben

Vor «You’ll Never Walk Alone» in der dritten Zugabe dann noch eine letzte Ansage, fast beiläufig hingeworfen und doch mit Gewicht: Alle seien neidisch auf Köln, weil die Stadt Partnerstadt von Liverpool ist — «hier hat jemand etwas extrem richtig gemacht.» Und das ganze Stadion singt den Refrain, als hätten sie ihn schon ihr ganzes Leben gekannt.

Ein anderer Abend als gestern, und doch spürbar derselbe Kern: andere Vorbands, andere Gäste, aber dieselbe herzliche Grundstimmung, dasselbe Necken zwischen Köln und Düsseldorf, dieselbe Band, die sich hier sichtlich zuhause fühlt. Wo Köln I von Campinos eigener Geschichte getragen wurde, explodiert Köln II an zwei Überraschungsgästen und einem Publikum, das bis zur letzten Zugabe keinen Deut von seiner Euphorie hergibt — dieser zweite Abend hatte spürbar mehr Wucht, mehr Feuer, mehr pure Ekstase als der erste. Zwei Abende, ein Stadion, zwei völlig unterschiedliche Geschenke — und am Ende bleibt vor allem eines: das Gefühl, dass diese Stadt der Band nie wirklich fremd war.

Konzertdaten
Festival24/7 Diva Heaven
BesetzungKaroline ‚Karo' Paschedag (Bass), Marie ‚Mary' Westphal (Schlagzeug), Katharina Ott-Alavi (Gitarre, Gesang)
RepertoirePunk, Grunge und Noise mit feministischer, politischer Note, oft humorvoll-selbstironisch verpackt
Konzertdaten
FestivalThe Undertones
BesetzungPaul McLoone (Gesang), John O'Neill (Gitarre), Damian O'Neill (Gitarre), Michael Bradley (Bass), Billy Doherty (Schlagzeug)
Konzertdaten
FestivalBeatsteaks
BesetzungArnim Teutoburg-Weiß (Gesang, Gitarre), Bernd Kurtzke (Gitarre), Peter Baumann (Gitarre), Torsten Scholz (Bass), Thomas Götz (Schlagzeug)
Konzertdaten
TitelDie Toten Hosen
Datum18. Juli 2026
OrtRheinEnergieSTADION, Köln
BesetzungDTH: Andreas Frege (Campino, Gesang), Andreas von Holst (Kuddel, Gitarre), Michael Breitkopf (Breiti, Gitarre), Andreas Meurer (Andi, Bass), Stephen George Ritchie (Vom, Schlagzeug), Jet Baker (Keyboard)
Line-up & Zeiten (18. Juli)
16:45 – 17:15(30 Min)24/7 Diva Heaven
17:35 – 18:10(35 Min)The Undertones
18:40 – 19:25(45 Min)Beatsteaks
20:05 – 22:30(2 Std 25)Die Toten Hosen
Setlist · Beatsteaks, 18. Juli 2026
1. Summer · 2. To Be Strong · 3. Jane Became Insane · 4. E-G-O · 5. Cut Off the Top · 6. Hello Joe · 7. Frieda und die Bomben (Fu Manchu-Cover) · 8. Hey Du (Ilona Schulz-Cover) · 9. Detractors · 10. I Don't Care as Long as You Sing · 11. Hand in Hand · 12. Let Me In
Setlist · Die Toten Hosen, 18. Juli 2026
1. Intro (Trink aus) · 2. Opel-Gang · 3. Die Show muss weitergehen · 4. Wir waren nie weg · 5. Auswärtsspiel · 6. Du lebst nur einmal (vorher) · 7. Laune der Natur · 8. Schicksal · 9. Unter den Wolken · 10. Altes Fieber · 11. Schlechte Nachbarn · 12. Wannsee · 13. Liebeslied · 14. Willkommen in Deutschland · 15. Alle sagen das · 16. Draussen vor der Tür · 17. Steh auf wenn du am Boden bist · 18. Bonnie & Clyde · 19. Wort zum Sonntag · 20. Was früher einmal war · 21. Alles aus Liebe · 22. Düsseldorf · 23. Wünsch DIR was · 24. Hier kommt Alex
Zugabe: 25. Should I Stay or Should I Go (The Clash-Cover – mit Arnim Teutoburg-Weiß) · 26. Niemals einer Meinung · 27. Tage wie diese
Zugabe: 28. Kristallnaach (BAP-Cover – mit Wolfgang Niedecken – Live-Debüt) · 29. Schrei nach Liebe (Die Ärzte-Cover) · 30. Schönen Gruss auf Wiederseh'n
Zugabe: 31. Alles passiert · 32. Pushed Again · 33. Trink aus · 34. You'll Never Walk Alone (Rodgers & Hammerstein-Cover) · 35. Ich liebe das Leben (Vicky-Leandros-Song – Campino singt teilweise mit)
Wertung
24/7 Diva Heaven
The Undertones
+
Beatsteaks
Special Guests (Niedecken & Teutoburg-Weiß)
Die Toten Hosen / Gesamteindruck
+

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