Vor dem Stadion
Zwei gebrochene Rippen. Das ist die Ausgangslage, mit der ich vor dem RheinEnergieSTADION stehe — mein erstes Konzert, seit ich weiss, dass es keine blosse Rippenprellung ist, sondern ein echter Bruch, und dass intensiver Sport eigentlich streng verboten ist. Schläge sind tabu, grössere Anstrengungen auch. Ganz am Anfang habe ich sogar gezögert, ob ich überhaupt nach Köln reisen soll. Am Ende habe ich mich für einen Kompromiss entschieden: einen Rippenpanzer gekauft, wie man ihn sonst für Full-Contact-Sportarten wie Roller Derby verwendet — Risiko senken, Freude vergrössern. Und so stehe ich hier, weil ein Sommer ohne diesen Termin für mich keine Option war.
Um zwölf gibt es Bändchen! Ein wahrer Traum. Reiner informiert mich, ich komme so schnell wie möglich zum Stadion und hole mein Bändchen ab. Wir gehen etwas trinken, sind aber trotzdem kurz vor Stadionöffnung schon wieder in der Schlange. Klingt absurd. Aber der Kopf tickt so, wir können an nichts anderes denken. Vorfreude.
Um halb fünf ist Einlass. Drinnen ist Chaos: Personen ohne Bändchen rennen nach links und rechts, nach vorne und nach hinten — weil völlig unklar ist, wie man in die erste Welle kommt. Auch wir wissen noch nicht genau, wohin, doch mit einem Bändchen am Handgelenk ist das Leben deutlich entspannter.
Das Stadion selbst überrascht mich: von aussen wirkt es riesig, doch die Bühne steht recht weit vorne im Innenraum, was den Zuschauerraum spürbar verkleinert. Es fühlt sich kompakter an, als die Aussenmasse vermuten lassen — fast schon gemütlich für ein Fussballstadion dieser Grösse.
The Undertones
Bevor die Undertones überhaupt loslegen, kommt Campino selbst heraus, um sie anzukündigen — mit einer kleinen Geschichte, die von verhauenen Skinheads handelt: Er habe die Band selbst zum ersten Mal 1980 hier in Köln erlebt, bei einem Auftritt, an dem Bandmitglieder von der Bühne sprangen, um Ärger machende Skinheads zu verprügeln. Eine Geschichte, die ihn offenbar bis heute begleitet — und die auf einen Schlag erklärt, warum ausgerechnet diese Band heute Abend als Opener steht.
Ich liebe diese Band, und ich tanze von der ersten Sekunde an mit — wenn auch etwas in der Defensive, vorsichtiger als sonst, den Rippen zuliebe. Das Publikum wirkt etwas reserviert. Zu dritt beginnen wir zu tanzen, einige Personen gesellen sich dazu, und es entsteht ein schöner, kleiner Pit ohne erhöhte Rippengefahr, von etwa zehn Leuten, die die Klassiker abfeiern. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig das Hosen-Publikum teilweise mit den Wegbereitern des Punks anfangen kann.

Antilopen Gang
Herzlicher begrüsst als die Undertones — deutlich herzlicher sogar. Kein Zufall, wie mir etwas Nachforschung zeigt: Die Antilopen Gang steht seit 2014 bei JKP unter Vertrag, dem eigenen Label der Toten Hosen. Campino selbst hat sie damals entdeckt und geholt — «Brüder im Geiste», wie er es einmal nannte. Ehrlich gesagt: die Wahl dieses Openers irritierte mich zunächst trotzdem. Musikstil und politisch-simplistischer Ansatz passen auf den ersten Blick nicht recht zu einem Hosen-Stadionabend. Allen Menschen einer Generation in globo zu unterstellen, Nazis zu sein, wie im Song «Enkeltrick» — das unterscheidet sich doch sehr vom Stil der Hosen, die dieselben Themen mit deutlich mehr Subtilität beleuchten. Das Publikum sieht das anders und honoriert den Auftritt von Anfang an.
Der für mich schönste Moment kommt unerwartet: die Band singt «Es kommt die Zeit» an — und das ganze Stadion übernimmt von selbst. Nicht «Wünsch dir nix», den eigenen Song der Antilopen Gang, sondern «Wünsch dir was», den Hosen-Klassiker. Ein Stadion, das schon der Vorband die Setlist des Headliners entgegensingt — das hätte ich nicht erwartet.

Die Toten Hosen
Punkt acht. Der Pit reisst auf — «Wir sind die Jungs von der Opel-Gang», tönt es aus dem Megaphon, und die erste Welle wird zu einer brodelnden Hochenergiezone. Ich halte mich bewusst zurück, mein Gehirn steht auf der Bremse.

Nach dieser ersten Explosion geht es im selben Tempo weiter — Song für Song peitscht nach vorne. Man merkt der Band an, wie viel gelöster sie sich von Konzert zu Konzert fühlt, wie genau sie inzwischen weiss, wie sie mit diesem Publikum spielen kann. Als hätten sie ein Gespür dafür entwickelt, wie leicht und wie schnell sich diese Euphorie entfachen lässt.
Ich selbst verspüre den ganzen Abend hindurch etwas Angst und gehe es deutlich ruhiger an als sonst. Ich ging ja mit dem Wissen von zwei gebrochenen Rippen ans Konzert — grössere Anstrengungen hatte mir die Radiologin verboten, Kontaktsport sei völlig ausgeschlossen. Dieses ärztliche Gebot konnte ich sicher nicht befolgen. Meine Frau wusste, wie viel mir dieser Abend wert war, und hatte mich gebeten, aufzupassen. Also positionierte ich mich bewusst leicht ausserhalb des Pits, in einer Zone ohne Schlagrisiko, hüpfte dort mit und hatte durchaus Spass. Trotzdem: spürbar anders als sonst. Deutlich weniger Energie, weniger Intensität. Durchschnitts- und Spitzenpuls lagen rund 30 Schläge niedriger als bei Konzerten, die ich sonst mitten im Pit erlebe — eine Erfahrung, die mir zeigt, wie viel von der Intensität eines Hosen-Abends tatsächlich über den Körper läuft, nicht nur über die Ohren. Ein Kompromiss, mit dem ich gut leben kann — aber ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich wieder ganz hinein darf.
Auffällig versöhnlich sind Campinos Töne gegenüber Köln an diesem ganzen Abend — mehrfach unterstreicht er, wie eng man sich verbunden fühlt, wie nah sich die beiden Rheinstädte eigentlich stehen. Persönlich wird es, als er von einem eigenen Ritual erzählt: Jedes Mal, wenn er nach Köln komme, zünde er im Dom eine Kerze für seine Eltern an. Diesmal, sagt er, habe er das zum ersten Mal gelassen — die zwölf Euro Eintritt, die der Dom seit ein paar Wochen verlangt, seien ihm dafür einfach zu viel gewesen. Ein kleiner, sehr persönlicher Moment, eingebettet in die Aktualität der Stadt, in der er da gerade steht. Ein anderes Mal erzählt er, der letzte Auftritt der Band mit Gründungsschlagzeuger Trini Trimpop sei ausgerechnet hier in Köln gewesen. Und doch kann er sich die kleinen Seitenhiebe nicht verkneifen — ganz nach dem Motto: was sich liebt, das neckt sich. Das zeigt sich gleich mehrmals im Verlauf des Abends.
Zu Beginn der ersten Zugabe nehmen sie das Tempo raus: «Heute hier, morgen dort», ihre wunderschöne Interpretation des Hannes-Wader-Klassikers, sorgt für etwas Stille in der noch brodelnden Menge. Doch das ist kein Durchhänger, sondern ein zentrales Element, das unterstreicht, was gleich danach kommt, umso stärker: eine riesige Sensation.
Sammy Amara, Sänger der Broilers, betritt die Bühne. Die zwei grössten Düsseldorfer Bands gemeinsam auf der Bühne, in Köln. Gibt es etwas Versöhnlicheres als das? Bei «Meine Familie» entlädt sich alles auf einmal — ein Mega-Pit reisst auf, so schlagartig, als hätten all die Menschen die ganze Zeit nur darauf gewartet, endlich loslassen zu dürfen. Das musikalische Düsseldorf, hier zu Gast in Köln, herzlich empfangen — ein riesiges Geschenk.
Kaum ist der Jubel verklungen, schon ein kleiner Seitenhieb, in der zweiten Zugabe: «Wir brauchen euch, ihr braucht uns. Wir brauchen uns — Rheinland. Zusammen sind wir unschlagbar», ruft Campino ins Publikum. «Köln, wir lieben euch!», ruft er, das ganze Stadion johlt zurück — und dann, etwas leiser hinterher, fast im Nebensatz: «… aber wir sind geiler.» Die alte Rivalität zu Düsseldorf, kaum mehr als ein Schmunzeln. Sekunden später, wie zur Bestätigung, spielt die Band den Song «Düsseldorf» gleich hinterher. Ein Necken unter Freunden.
In der dritten Zugabe dann natürlich «Zehn kleine Jägermeister» — eine Zeile passt an diesem Abend ja perfekt: «Sieben fuhr’n nach Düsseldorf und einer fuhr nach Köln», singt das ganze Stadion mit, und aus vielen, vielen Ecken des Publikums hört man dabei ein Lachen. Einmal, gegen Ende des Abends, entschuldigt sich Campino noch für «das viele Gequatsche» zwischen den Songs — und ausgerechnet das bringt mich zum Schmunzeln, denn es sind genau diese Ansagen, die auch hier den ganzen Abend getragen haben und jedes Konzert einmalig machen.
Passend zu den vielen Anekdoten singt Campino den Schlusssong «Ich liebe das Leben» diesmal von der ersten Zeile an mit, nicht erst am Ende wie sonst — als hätte auch er heute Abend keine Eile, loszulassen. Zusammen mit dem morgigen zweiten Abend zeigt Köln, wie tief diese Band inzwischen verwurzelt ist.
Eigentlich hätte man zusätzlich als Outro noch das Zürcher «All You Need Is Love» spielen sollen — so herzlich und versöhnlich war dieser Abend.
SHORTCODES:
| Titel | Die Toten Hosen (mit The Undertones und Antilopen Gang) |
| Datum | 17. Juli 2026 |
| Ort | RheinEnergieSTADION, Köln |
| Besetzung | Andreas Frege (Campino, Gesang), Andreas von Holst (Kuddel, Gitarre), Michael Breitkopf (Breiti, Gitarre), Andreas Meurer (Andi, Bass), Stephen George Ritchie (Vom, Schlagzeug), Jet Baker (Keyboard) |
| Festival | The Undertones |
| Besetzung | Paul McLoone (Gesang), John O'Neill (Gitarre), Damian O'Neill (Gitarre), Michael Bradley (Bass), Billy Doherty (Schlagzeug) |
| Festival | Antilopen Gang |
| Besetzung | Koljah (Rap), Panik Panzer (Rap), Danger Dan (Rap, Gesang) |
INSTAGRAM KURZBERICHT:
🔗 Link in Bio — neuer Bericht auf klangsog.ch. Die ausverkaufte Zusatzshow in Köln, mit Campino, der zwischen den Songs erzählt, wie er die Undertones selbst 1980 hier in Köln zum ersten Mal erlebte — samt Skinhead-Schlägerei. Dazu ein Überraschungsgast von den Broilers. Mit zwei gebrochenen Rippen diesmal knapp ausserhalb des Pits, aber trotzdem mittendrin. #DieTotenHosen #Köln #RheinEnergieSTADION #KlangSog #TrinkAusTour