Konzertreisen Punk Rock

Ruhrpott Rodeo, Tag 3: Wortwitz, Blasinstrumente und ein wilder Moshpit

Wortgewandt, kompromisslos, erschöpfend — mein dritter Rodeo-Tag

Am Sonntag, 26.07., waren 14 Konzerte geplant, 9 davon habe ich gehört: Götz Widmann, Desolat, Madball, MOS, Universum 25, The Queers, Jaya The Cat, Toxoplasma und Dritte Wahl. Danach war ich völlig erschöpft und bin ins Hotel zurück — Drei Meter Feldweg, Hot Water Music, Gutalax, Sondaschule und Alpheus musste ich sausen lassen.

Der dritte und letzte Tag beginnt gemütlich und endet in kompletter körperlicher Erschöpfung — dazwischen liegt so ziemlich alles, was das Ruhrpott Rodeo an Kontrasten zu bieten hat: Liedermacher-Humor, Blasinstrumente, kompromissloser Hardcore und ein Wiedersehen, das sich wie ein kleiner Kreis schliesst.

Götz Widmann eröffnet den Sonntag, und ich muss ehrlich zugeben: Vor dem Konzert kannte ich ihn nicht, dabei ist er in Deutschland längst eine Institution — eine Lücke in meinem musikalischen Wissen, die sich hier auf einen Schlag schliesst. Sein Wortwitz sitzt von der ersten Zeile an, seine Texte sind zum Schreien komisch, trotz des politischen Unterbaus, der immer mitschwingt, ohne je zu belehren — dazu eine gehörige Portion Zynismus, die genau richtig dosiert ist, nie zu bitter, nie zu seicht. Ein superstarker Einstieg in den Tag, der mich sofort für sich einnimmt, obwohl ich noch vor wenigen Stunden gar nicht gewusst hätte, wer da überhaupt auf der Bühne steht.

Weiter geht’s mit Desolat, dem Wiener Trio aus der Anarcho-Punk-Ecke. Musikalisch noch nicht ganz auf dem Punkt, würde ich sagen — es fehlt der letzte Kniff, das gewisse Etwas, das einen Auftritt vom Guten ins Unvergessliche hebt. Das Publikum reagiert entsprechend verhalten, steht eher beobachtend als mitgehend da — eine ruhige Angelegenheit, fast schon eine Verschnaufpause, im Vergleich zu dem, was noch kommen wird.

Desolat live
Desolat: Ruhige Publikumsreaktion, noch nicht ganz auf dem Punkt · Foto: Gerhard Hartsleben

Und dann kommt Madball. Kompromisslose New-York-Hardcore, wie sie im Buche steht, ohne jede Verwässerung. Ein Moshpit, so wild, wie ich ihn nur ganz selten erlebe — extrem wild sogar, ein brodelnder Kessel aus Energie und Adrenalin, in den ich mich selbst nicht reingetraut habe. Und genau das macht die Sache für mich so spannend zu beobachten: Obwohl Hardcore eigentlich nicht meine Sache ist, bleibe ich das ganze Konzert über stehen, kann mich nicht losreissen. Extrem gut gemacht, das muss ich neidlos anerkennen — eine Band, die auch Nicht-Bekehrte bei der Stange hält.

Madball live
Madball: Der wildeste Moshpit des Wochenendes · Foto: Gerhard Hartsleben
Madball: Mittendrin im brodelnden Moshpit · Video: Gerhard Hartsleben

Kompletter Stilbruch, und genau deshalb ein Highlight: MOS. Vier Bläserinnen und eine DJane betreten die Bühne mit perfekter Choreografie — Punk nur mit Blasinstrumenten, wie es der Veranstalter treffend nennt, auch wenn das eigentlich zu kurz greift. Da steckt viel mehr drin: japanische Blasorchester-Tradition trifft auf Pop, Dance und einen Hauch Anime-Kultur — ihr eigenes Crossover-Etikett dafür lautet „BraDan“, kurz für Brass × Dance. Der Sound ist kompromisslos, einmalig, lässt sich in keine Schublade stecken, so sehr ich es auch versuche. Genau die Art von Überraschung, für die ich auf Festivals gehe — ein Programmpunkt, den ich nie geplant hätte und der mich am Ende völlig für sich gewinnt.

MOS live
MOS: Perfekte Choreografie: Punk-Bläserinnen aus Japan · Foto: Gerhard Hartsleben

Universum 25 kenne ich vorher nicht, aber die Besetzung verblüfft mich, als ich sie höre: eine deutsche Superband, bei der jedes Mitglied aus einer bekannten deutschen Punk- oder Rockband kommt, ein Who-is-who der Szene auf einer einzigen Bühne — besonders erwähnenswert der Drummer Alex Schwers, der auch bei Slime spielt und obendrein der Organisator des ganzen Festivals ist, hinter den Kulissen und hinter dem Schlagzeug gleichermassen zuhause. An der Gitarre steht Gunnar Schroeder von Dritte Wahl — ein kleiner Vorgeschmack auf das Wiedersehen mit ihm, das mich Stunden später in seiner Stammband erwartet.

Universum 25 live
Universum 25: Deutsche Superband mit Gunnar Schroeder und Alex Schwers · Foto: Gerhard Hartsleben
Universum 25 · Ruhrpott Rodeo 2026
1. Genug · 2. Zu deiner eigenen Sicherheit · 3. Gardinen zu · 4. Harte Kost · 5. Wir warten · 6. Ebbe und Flut (Slime-Cover) · 7. Nur wegen dir · 8. Der Traum ist aus (Ton-Steine-Scherben-Cover) · 9. Am Morgen danach

The Queers liefern danach kompromisslose Musik, sehr gut umgesetzt, kein Schnickschnack auf der Bühne, keine Ablenkung vom Wesentlichen — sie reissen das Publikum einfach mit, ohne grosse Gesten, allein durch die pure Qualität der Songs. Genau so muss Pop-Punk klingen: schnell, direkt, ohne Umwege.

The Queers live
The Queers: Kompromissloser Pop-Punk ohne Schnickschnack · Foto: Gerhard Hartsleben

Bei Jaya The Cat singt das Publikum vor allem bei „Here Come the Drums“ kräftig mit — insgesamt bleibt die Stimmung aber eher zurückhaltend. Viele scheinen auf die Band als Ganzes gewartet zu haben. Der Sänger steht die ganze Zeit über mit einer Weinflasche auf der Bühne und trinkt im Verlauf des Konzerts die Hälfte davon leer — für mich eine ziemlich respektlose Geste.

Jaya The Cat live
Jaya The Cat: Mitsingen bei 'Here Come the Drums' · Foto: Gerhard Hartsleben
Jaya The Cat · Ruhrpott Rodeo 2026
1. Intro · 2. Wine Stained Futon · 3. Twist the Cap · 4. Nobody's Fault · 5. Hello Hangover · 6. Amsterdam · 7. El Camino · 8. Here Come the Drums

Dann Toxoplasma — und was für eine Wucht, ein Energieschub, der mich komplett unvorbereitet trifft. Von der ersten Sekunde an volle Kraft voraus, Sänger Wally peitscht das Publikum an wie ein Dirigent im Rausch, ein wilder Moshpit entsteht, in dem alle mitgehen. Ein Teil des Publikums singt textsicher mit, obwohl ich die Band vorher nicht kannte, und ich merke schnell, während ich staunend danebenstehe: In Deutschland ist diese Band längst eine feste Grösse, ein offenes Geheimnis, von dem nur ich bislang nichts wusste.

Toxoplasma live
Toxoplasma: Sänger Wally peitscht das Publikum an · Foto: Gerhard Hartsleben
Toxoplasma · Ruhrpott Rodeo 2026
1. S.O.S. · 2. Vakuum · 3. Zackzackzack · 4. Träumer · 5. Nahtod 2.0 · 6. Gut und Böse · 7. Kontrollautomat · 8. Der Teufel verdirbt die Jugend · 9. Alte Zeiten · 10. Leben verboten · 11. Deutsch in Kaltland · 12. Stillstand · 13. Neuwied und nicht Berlin (Live-Debüt) · 14. Weltverbesserer · 15. Allesfresser · 16. Polizeistaat · 17. Ordinäre Liebe · 18. Schwarz Rot Braun · 19. Asozial

Zum Abschluss meines Tages Dritte Wahl — und ein kleines Wiedersehen, denn Gitarrist Gunnar Schroeder habe ich ja gerade erst bei Universum 25 gesehen. Umso schöner, ihn jetzt in seiner Stammband zu erleben, gewissermassen zurück in seinem eigentlichen musikalischen Zuhause. Die Band zeigt dabei eine schöne Portion Selbstironie: Wer seinem eigenen Bandnamen schon die Drittklassigkeit einschreibt, kann eigentlich nicht sehr gut sein, so die Logik — und Dritte Wahl beweist genüsslich und mit sichtlichem Vergnügen das komplette Gegenteil. Ein exzellenter Auftritt, sehr gute Stimmung, ein grosses Publikum, das sichtlich auf genau diese Band gewartet hat, mit einer Vorfreude, die ich förmlich spüren kann. Ich tanze noch einmal aus vollem Herzen mit, schöpfe die letzten Reserven komplett aus — und bin danach einfach nur noch erledigt, aber auf die gute, erfüllte Art.

Dritte Wahl live
Dritte Wahl: Wiedersehen mit Gunnar Schroeder in seiner Stammband · Foto: Gerhard Hartsleben
Dritte Wahl · Ruhrpott Rodeo 2026
1. Scotty · 2. Der Himmel über uns · 3. Störung · 4. Wo ist mein Preis? · 5. Zu wahr um schön zu sein · 6. So wie ihr seid · 7. Bad K. · 8. Zusammen · 9. Greif ein · 10. Auge um Auge · 11. Zeit bleib stehen! · 12. Fliegen

Drei Meter Feldweg, Hot Water Music, Gutalax, Sondaschule und Alpheus muss ich sausen lassen. Der Körper macht nach zweieinhalb Tagen Ruhrpott Rodeo einfach nicht mehr mit, streikt konsequent und lässt sich durch nichts mehr überreden. Welch ein Wochenende das war.

ÜBERSICHT

Line-up & Zeiten (26. Juli)
13:30 – 14:10(40 Min)Götz Widmann
14:10 – 14:40(30 Min)Desolat
14:40 – 15:25(45 Min)Madball
15:25 – 16:00(35 Min)MOS
16:00 – 16:45(45 Min)Universum 25
16:45 – 17:20(35 Min)The Queers
17:20 – 18:10(50 Min)Jaya The Cat
18:10 – 18:50(40 Min)Toxoplasma
18:50 – 19:45(55 Min)Dritte Wahl
19:45 – 20:25(40 Min)Drei Meter Feldweg (nicht gesehen)
20:25 – 21:20(55 Min)Hot Water Music (nicht gesehen)
21:20 – 22:05(45 Min)Gutalax (nicht gesehen)
22:05 – 23:15(1 Std 10)Sondaschule (nicht gesehen)
23:15 – 01:00(1 Std 45)Alpheus (nicht gesehen)

Wertung
Götz Widmann
Desolat
Madball
MOS
Universum 25
The Queers
Jaya The Cat
Toxoplasma
Dritte Wahl